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Locke : Kraft seines sittlichen Bewußtseins tritt der Mensch mit allen Men-schen gleichsam in eine Gemeinschaft „und machet mit ihnen eine solche Sozie-tät aus, wodurch er sich von andern Kreaturen distin-guiert“. Vgl. meine oben zitierte Schrift S. 8.
Auch unter den englischen „Soziologen“ des 18. Jahrhunderts lassen sichzahlreiche Stimmen vernehmen, die dem Menschen seine Eigenart gewahrtwissen wollen. Einer der führenden Männer dieser Zunft, vielleicht der ein-flußreichste seiner Zeit, Adam Ferguson, äußert sich zu dieser Frage wiefolgt: „Wir sind genötigt, im Gegensatz zu den Behauptungen der ausgezeich-netsten Schriftsteller, zu betonen, daß die Menschen immer als ein getrenntesund überlegenes Geschlecht unter den Tieren erschienen sind und daß wederder Besitz gleicher Organe, noch die Annäherung an ihre Gestalt, noch derGebrauch der Hand, noch der fortgesetzte Umgang mit diesem souveränenKünstler irgendeine andere Spezies befähigt hat, ihre Natur oder ihre Erfindun-gen mit den seinen zu vermischen; daß er in seinem rohesten Zusand noch überihnen steht und wenn er noch so entartet ist, niemals auf ihr Niveau herabsinkt.Er ist, kurz gesagt, ein Mensch in jederLage...“ Geschichte der bürger-lichen Gesellschaft. Deutsch 1904. S. 7.
Na — und in Deutschland überwogen wohl gar die geistigen Menschen. ImAnfang des Jahrhunderts steht der imposante Traktat von ChristianThomasius, Versuch vom Wesen des Geistes oder Grund-Lehre sowohl zurnatürlichen Wissenschaft als der Sitten-Lehre. In welchem gezeiget wird, daßLicht und Luft ein geistiges Wesen sey und alle Cörper aus Materie und Geistbestehen, auch in der gantzen Natur eine anziehende Kraft, in dem Menschenaber ein zweyfacher guter und böser Geist sey. Aufgesetzt und allen Wahrheit-liebenden zur Prüfung übergeben. Halle 1699. Wie schon aus dem Titel her-vorgeht, hat Th. eine doppelte (oder mehrfache) Auffassung vom Geist: einer-seits ist dieser ein aller Natur (einschließlich des Menschen) gemeinsamesPrinzip; andererseits unterscheidet Th. den menschlichen Geist von allemübrigen Geist. Seine Eigenart besteht in folgendem: 1. der Magen des Men-schen verträgt keine rohen Stoffe (Th. 176); 2. sein Gehirn kann mittels derAbstraktion und der Ideen auch abwesende, vergangene und zukünftige Dingedenken (Th. 177); 8. die Kraft des Herzens besteht beim Menschen darin,daß der Mensch die Mitmenschen haßt, daß alle seine Begierden ihn ruinierenund daß sie verschieden und ewig wechselnde sind. (Th. 178.) Daraus folgertder Verfasser: der Mensch ist eine elendere Kreatur als alle andere sichtbareKreatur; zum Unterschied vom einheitlichen Tier „eine widerwärtige Dreiheit“.(Th. 187). Außerdem gibt es noch einen „guten“ Geist (das ist so ungefähr dasPaulinische Pneuma), der von Gott ist und im steten Kampfe mit der bösenDreiheit steht. (Th. 190). Th. unterscheidet dann ganz im theologischen Sinneden alten, natürlichen, fleischlichen oder (!) seelischen von dem neuen, über-natürlichen, geistlichen Menschen. (Th. 194). „homo regenitus et irregenitusspecie differunt“.
Der Traktat des Thomas rief eine Reihe von Gegenschriften hervor,von denen ich nenne: Realis de Vienna, Prüfung des Versuchs VomWesen des Geistes, den Chr. Thomas, Professor in Halle 1699 an Tag gegeben.1707 und Kurtze Anmerkung über den von Herrn Professore Cristiano Tho-masio ... Versuch vom Wesen des Geistes. 1701.