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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Daß die deutsche Philosophie des 18. Jahrhunderts hoministisch ein-gestellt war, ist bekannt: in diesem Punkte unterschieden eich Wolff undKant nicht. Beide nahmen eine anima rationalis als selbstverständlich an.Vgl. v. C r e u z, Versuche über die Seele. 1758.

Dieselbe Überzeugung vom Menschlichen des Menschentums hat unsere klas-sische Dichtung: von Lessing bis Goethe. Gleichsam ihre Theorie, dieTheorie des Sturm und Drang , verkündete Jakobi mit seiner Lehre vomschöpferischen, in sich selbst gewissen, von der Natur unterschiedenen Geiste, derallein (im Gegensatz zur Natur) erfindet und hervorbringt, dichtet und trachtet,allein Vorsehung, d. h. Entwurf, freie Wahl, Absicht hat, der allein frei, d. h.durch sich selbst und selbsttätig ist. Vgl. Fritz Heine mann, Einleitung zuWilhelm von Humboldts Philosophische Anthropologie etc. (1929), XXXI.

Wenn Herder seiner Natur nach auch sich niemals entschieden zum Anti-Naturalismus bekennt, so haben wir doch seine scharfe Ablehnung der Annahmeeiner Tiersprache an einer anderen Stelle schon vermerken können.

Daß Schiller Hominist war, weiß man. Wir haben ihn selbst als Kron-zeugen einer anti-naturalistischen Denkweise öfters heranziehen können.

Aber auch Goethe verdient den Vorwurf des Naturalisten, der so oft gegenihn erhoben wird, ganz gewiß nicht. Man denke etwa an die Entrüstung, mitder er Holbachs Systeme de la nature ablehnte; oder an so manchen Vers,den er dem Menschen ins Stammbuch geschrieben hat; wie etwa:

Alles entsteht und vergeht nach Gesetz; doch über des MenschenLeben, dem köstlichen Schatz, herrschet ein schwankendes Los.

oder:

Nur allein der MenschVermag das Unmögliche;

Er unterscheidet und richtet;

Er kann dem AugenblickDauer verleihen.

oder:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindetBefreit der Mensch sich, der sich überwindet!erinnere sich aber auch einer Notiz in der Farbenlehre (667), in der er ganzausdrücklich ein Menschenreich als ein selbstständiges Reich gegenüber demNaturreich postuliert: der Menschtrennt sich ganz von der all-gemeinen Naturlehre los.

öfters begegnen wir in der Literatur des 18. Jahrhunderts der StufentheoriederSeele im Aristotelischen Sinne. So betitelt sich eine Schrift ausdem Jahre 1726:Betrachtung des Menschen nach Geist Seel und Leib, undzwar nach dessen unterschiedenen Temperamenten, Passionen, Erziehung,Rinderzucht, bürgerlicher Sozietät etc.

Ein viel gelesenes, mir nicht zugängliches Buch, war das von Monboddo,Ancient Metaphysics. 3 Vol. 1784. M. sieht den Menschen als ein System lebendigerKräfte an, in dem sich das elementarische, das Pflanzen-, Tier- und Verstandslebenunterscheiden. Dieser Ansicht schließt sich auch Herder in einer Besprechungdes genannten Buches an, aus der ich seinen Inhalt entnehme. Siehe Blicke indie Zukunft. 4 Briefe aus den Humanitätsbriefen. X. 1797; in Postzenien zur Ge-schichte der Menschheit; her. von Joh. v. Müller 1820. S. 128.