Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
105
Einzelbild herunterladen
 

105

Dieselben Gedanken vertritt z. B. Ernst Platner in seiner Anthro-pologie (1772).

Die Naturforscher der Zeit waren geteilter Meinung: während Linnöin der Vorrede zu seiner schwedischen Fauna bekennt, daß er keine Merk-male habe ausfindig machen können, wonach man in den Stand gesetzt würde,den Menschen vom Affen zu unterscheiden, weshalb er denn auch den Menschenmit dem länghändigen Affen (Homo Lar, Gibbon) ein andermal mit demFaultier und den Fledermäusen zu einer Gattung rechnet, erkennt der be-rühmte I. Fr. B 1 u m e n b a c h , dem wir die noch heute gültige Einteilung desMenschen in die 4 (5) großen Rassen verdanken, die Spezifizität des Menschenan. Als Merkmale, die diesen vom Tier grundsätzlich unterscheiden, bezeichnetBl. folgende: 1. die äußere Bildung des menschlichen Körpers; 2. die anima-lische Ökonomie; 3. das geistige Vermögen: a) Gebrauch der Vernunft; b) Er-findergeist; c) Sprache; d) Lachen und Weinen; 4. die den Menschen eigenenKrankheiten. Ebenso tritt mit großer Entschiedenheit für die Menschlichkeitdes Menschen B u f f o n ein, dessen Naturgeschichte des Menschen 1805 in deut-scher Sprache erschien.

Im 19. Jahrhundert müssen wir die beiden Hälften auseinanderhalten.In der ersten Hälfte gab es in allen europäischen Ländern noch eine seriösePhilosophie, in der zweiten nicht. Wo überhaupt noch philosophisch gedachtwird, darf der Animalismus sich nicht allzuweit hervorwagen.

So begegnen wir in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowohl inEngland als in Frankreich einer Philosophenschule, die man teilweise geradezuals eine Reaktionserscheinung gegen die Extravaganzen des Sensualismus undMaterialismus im 18. Jahrhundert betrachten kann. In Frankreich lehrtenMaine de Biran (17661824), Royer Colland (17631845) und vorallem V. Cousin (17921867): diejenigen Männer, gegen die H. T a i n e inseinem Erstlingswerke:Les Philosophes classiques au XIX. siede en France(1857) seine Pfeile richtete.

Nun und in Deutschland herrschte, wenigstens auf dem Katheder fastunbeschränkt, dieidealistische Philosophie, für die doch wenn auch in sehrverschiedenen Formen die Sonderstellung des Menschen im Weltganzenaußer Frage stand. Somit blieb auch dem Geist seine Würde gewahrt. Daß diesmöglich war ohne dieempirische Psychologie zu verdammen, wie es dieFichte, Schlegel, Hegel taten, lehrt ein Werk wie das von P h. CarlHart mann, Der Geist des Menschen in seinen Verhältnissen zum physischenLeben usw. 1820; lehren aber auch die meisten der Anthropologien der Zeitüber die ich in den Sitzungsberichten der Pr. Akademie der Wissenschaften,Phil, histor. Klasse 1938 XIII. gehandelt habe, sowie die phrenologische und ver-wandte Literatur, in die ich oben Seite 30 ff eingeführt habe. Angesichts solcherErscheinungen möchte man fast glauben, es sei nicht übertrieben, wenn J o h.Ed. Erdmann in seinem ausgezeichneten BucheLeib und Seele (1837)behauptet, daß die Dreieinigkeit des menschlichen Individuums: Leib-Seele-Geist von allen (!) Psychologen seiner Zeit angenommen werde (S. 113). Erselbst führt mit Namen nur Schubert und Eschenmayer an, währendandere Bekenner dieses Standpunkts bei M. Perty, Die Anthropologie 1(1874), 5 aufgezählt werden. Vgl. auch noch den Aufsatz von I. H. Fichte,Der bisherige Zustand der Anthropologie und Psychologie, eine kritische Über-