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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Einzelzüge eines Charakters in Verbindung unter einander auftreten, fest-gestellt und auf Grund dieser Feststellungen eine bestimmteStrukturdes Charakters angenommen wird. Das ist die sog.Strukturhypothese,die sich dann zu demStrukturgesetz des Charakters mausert:Diesesist ein durch Exaktheit ausgezeichnetes Mittel der Erforschung von Per-sönlichkeitstypen.

Ich versuche, das Gesagte an einigen Beispielen zu verdeutlichen, dieich dem Bericht Otto Selzs über den VII. Deutschen Psychologen-Kongreßentnehme (daß inzwischen die Methoden noch weiter vervollkommnet sind,bezweifle ich keinen Augenblick):

In Lasurskis Anleitungen zur Herstellung von psychographischenCharakteristiken wird die Methode, die Persönlichkeit eines Menschen durchsystematische Beobachtung seiner äußeren Verhaltungsweisen, insbesondereauch seines Verhaltens zur Umgebung zu erkennen, zu erstaunlicher Feinheitausgebildet.

H eymans und seine Schule haben endgültig gezeigt, daß sowohl die Er-hebung mittels eines Fragebogens als die Verwertung biographischen MaterialsPsychogramme liefert, die der korrelationsstatistischen Analyse der Persönlich-keitstypen dienstbar gemacht und bei entsprechender Höhe der Korrelationenauch zur Feststellung von empirischen und Strukturtypen verwendet werdenkönnen...

Von H. E. u. W. A. Pannenborg konntedie stärkere Emotionalität derMusiker gegenüber anderen Künstlern, das Ansteigen der Emotionalität, Im-pulsivität und Reizbarkeit, der Neigung zu Stimmungswechsel und Beweglich-keit mit dem Grade der musikalischen Begabung bis zu den Komponistenhinauf . . , zahlenmäßig festgestellt werden. In derselben Richtung wie die Emo-tionalität wuchsen auch die psychischen Störungen, die bei Begabten (!) in 19%der Fälle, bei Hochbegabten (1) in 25% und bei den Komponisten in 52% derFälle auftreten, während die schwächer emotionellen Mater nur relativ wenigpsychische Störungen zeigten ... Die Pannenborg sehen Ergebnisse zeigtenaber auch die besondere Emotionalität und Neigung zu psychischen Störungenbei bestimmten Kunstrichtungen. Während die realistischen Maler undklaren (!) Komponisten keine psychischen Störungen zeigten, fanden sie sichbei den Visionären und Dramatikern unter den Malern und bei den träumeri-schen (!) Komponisten in um so größerer Zahl. Man sieht, bemerkt der Bericht-erstatter, wie eine von richtiger Fragestellung geleitete korrelationsstatistischeVerarbeitung von Psychogrammen ganz von selbst auf die regelmäßigen empiri-schen und strukturgesetzlichen Zusammenhänge hinleitet. usw. usw.

Von dieser naturwissenschaftlichen Menschenkunde unterscheidet sichdie geistwissenschaftliche dadurch, daß sie nicht Naturgesetz-mäßigkeit, sondern Sinngesetzmäßigkeit erstrebt, das, was Husserlwesensgesetzmäßige Abhängigkeit nennt. Die Zusammenhänge der Seelewerden nicht begriffen, sondern verstanden: nicht von außen nach innen,sondern von innen nach außen erkannt: man deduziert aus einem Zentral-faktor die Einzelerscheinungen eines Charakters und erfaßt diesen als