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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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63 großen Rassen. Die Zahl der Rassen schwankt heute je nach dem Standpunktder einzelnen Forscher. Wenn man den Begriff derhistorischen Rasse, derraees historiques einführt, wie Le Bon , Les lois psychologiques de levolutiondes peuples (1894), 5:cest ä dire des races artificielles formees depuis les tempshistoriques par les hasards des conquötes, des immigrations ou des changement»politiques so vermehrt sich die Zahl der Rassen ins Grenzenlose, die Rasseverliert aber gleichzeitig jeden Wert als Einteilungsprinzip. In diesem weiteren,unzulässigen Sinne faßt den Begriff Rasse auch L. Gumplowicz ; z. B. inseinem viel umkämpften Buche: Der Rassenkampf. Zuerst 1883. Vgl. auch indiesem Buche das 23. Kapitel.

2. Die Ordnung der menschlichen Verschiedenheiten nach leib-seeli-schen Merkmalen ist seit altersher beliebt.

Eine der ältesten Ordnungen ist die Vierteilung nach den vier Tem-peramenten. Sie geht bekanntlich auf Hippokrates zurück, der zu ihrdurch die Kombination der vier Bestandteile des Menschen trocken-feuchtund warm-kalt kam. Die vier Temperamente: Choleriker, Melancholiker,Sanguiniker und Phlegmatiker, sind jedermann vertraut und noch heute alsOrdnungskategorien von keiner neueren Erfindung überholt.

Eine Dreiteilung ist ebenfalls seit altersher beliebt, indem man dieMenschen nach dem Vorwiegen der drei großenVermögen in Verstandes-,Gefühls- und Willensmenschen unterschied.

Die Zweiteilung endlich ist, namentlich in der Form der polaren Ent-gegensetzung zu allen Zeiten vor allem das übliche Ordnungsprinzip gewesen.

Als nächstliegendes Gegensatzpaar bieten sich Mann und Frau dar. Dochergibt ein näheres Zusehen, daß dieses für uns nicht in Betracht kommt. Ent-weder nämlich man tut nichts als die besonderen Eigenschaften der Männer undFrauen zu registrieren, also nur die Tatsache der von der Natur geschaffenenDoppelform zu bestätigen, so ordnet man nicht individuelle Verschiedenheitennach einemSchulsystem (im Kant sehen) Sinne, wie es hier zu geschehen hat,sondern man analysiert ein Kollektivum und liefert einen Beitrag zu demNatur-system, was hier nicht in Frage kommt. Oder man schiebt die zufällige Verkör-perung von Mann und Frau in der gerade vorliegenden Form beiseite und hältAusschau nach den hinter dieser sinnlichen Form wesenden Mächten, wobei manauf die beiden im Verhältnis der Ergänzung und des Gegensatzes stehendenWeltprinzipien der Männlichkeit und der Weiblichkeit stößt, befindet sich aberdann nicht mehr im Bereiche der Wissenschaft, sondern hat einen uns unter-sagten Flug in die Höhen der Metaphysik unternommen. Wir begegnen unsdann auf derselben Ebene, auf der das verwandte Gegensatzpaar des Apollini-schen und Dionysischen sich auswirkt 67 ). Vgl. auch das 17. und 18. Kapitel diesesBuches.

In das Bathos der Erfahrung steigen wir wieder herab mit der Betrachtungdes seit altersher gern benutzten Gegensatzpaares von E u k o 1 o s und Dys-kolos. Die Begriffe sind geprägt worden von Plato im ersten Buche derRepublik und weisen auf die Verschiedenheit der Veranlagung je nach der Ge-staltung des Gefühls- oder Vitalsinns hin, der vor allem unsere Entschlußfähig-