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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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häufig dieselbe Person verschiedenen Kreisen angehört. Bei dem Volk IIIversteht sich das von selbst: ein Glied des Volkes III muß notwendig immerauch ein Glied des Volkes I oder II sein. Aber auch die Angehörigen vonVolk I und Volk II sind oft dieselben Menschen. Es handelt sich also beiden verschiedenen Volksbegriöen nicht sowohl um die Bezeichnung unter-schiedlicher Menschenkreise als um die Hervorkehrung der verschiedenenSeins- und Betätigungsweisen des Menschen in ihrer Bedeutung für dieGruppenbildung.

Unsere Aufgabe wird nun darin bestehen, die Hauptprobleme heraus-zustellen, die sich an diese verschiedenen Volksbegriffe knüpfen. Ehe wiraber an die Erfüllung dieser Aufgabe herantreten, wollen wir uns nocheinen Überblick zu verschaffen suchen über die verschiedenen Möglichkeiten,in denen man eine Lehre vom Volke gestalten kann. Diesen Überblick solldas folgende Kapitel geben.

Vierzehntes Kapitel:

Die Lehre vom Volk in ihrem geschichtlichen Werdegang

Die Volkslehre, die in entscheidenden Punkten deutschen Geistern ihreEntstehung verdankt, entspringt aus verschiedenen Quellen.

Die erste Quelle ist die realistische Staatslehre, das heißt die-jenige Staatslehre, die die Bedeutung des Volkes, seiner Eigenart undseiner Zusammensetzung für die Verfassung und ihre Formen eingesehenhat. Sie war in der Politik des Aristoteles schon zur Vollendung aus-gebildet und wurde in der neueren Zeit von Männern wie Machiavelli, Bodinus, Montesquieu, wieder zur Geltung gebracht. Eine wesent-liche Förderung erfuhr sie durch die ganz und gar moderne Wissenschaftder Statistik, die seit dem 17. Jahrhundert sich zu entwickeln beginnt.

Die zweite Quelle ist der unpolitische Patriotismus, dernamentlich in staatenlosen oder staatenschwachen Ländern, wie Irland , denbaltischen Ländern und vor allem auch in Deutschland gegen das Ende des18. Jahrhunderts ausbrach. In Deutschland waren es Hamann undHerder, die zuerst das Augenmerk auf ein Etwas neben dem Volk I lenk-ten und dessen Studium empfahlen, ein Etwas, das man dann in der Zeitder politischen Ohnmacht ganz besonders zu schätzen wußte und das manin etwas nebelhafter Gestalt als ein Gemisch von Volk II und III vor Augensah und Volkheit, Volkstum, Volk schlechthin benannte.Volkheit: daswar die Fluchtburg der deutschen Nation (?) im Zeitalter Napoleons. DerStaat, die Herrschaft, die Bildung und ihre Gesellschaft hatten versagt. Dastießen Wille und Gedanke auf das Volkstum als den ursprünglichen Kern