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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Denn es handelt sich in allen diesen Wissenschaften nur zum geringen Teile umpsychologische Probleme. Statt dessen soll man vonKunde sprechen. Unddann diese, wie es hier geschieht, unterscheiden als V o 1 k s künde und Völker-kunde, je nachdem sie zum Gegenstände hat die dem Volke als solchem eigen-tümlichen, also allen Völkern gemeinsamen oder die den einzelnen Völkerneigentümlichen Probleme.

Von den psychologischen Disziplinen würde dann die Sozialpsychologie imwesentlichen der Volkskunde, die Kollektivpsychologie der Völkerkunde zu-zuordnen sein.

Die im Augenblick herrschende Unklarheit der Begriffsbildung und Begriffs-benennung wird noch gesteigert durch den Umstand, daß in den verschiedenenKultursprachen die Terminologie eine verschiedene ist. So verstehen die Fran-zosen unter Psychologie collective das, was wir füglich Sozialpsychologie nennen.Siehe zum Beispiel das bedeutende Werk von Charles Blondel , Intro-duction ä la Psychologie collective, 1929, und das sehr lehrreiche Referat überdieses Buch von Maurice Halb wachs in der Revue philosophique de laFrance et de lEtranger. Tome C VII (1929) No. 5 et 6.

Vgl. zur Frage der Namengebung noch E. Oberhummer, Völkerpsycho-logie und Völkerkunde. 1923.

Fünfzehntes Kapitel: Was die Wissenschaft vom Volke auszusagen weihA. Die Abgrenzung der drei Volkheiten

Eines der ersten Erfordernisse jeder Wissenschaft, wenn sie fruchtbarsein soll, ist dieses: daß sie weiß, auf welchen Gegenstand sie sich bezieht.Es gibt alte Wissenschaften wie die Wirtschaftswissenschaft, die esbis heute nicht wissen und die deshalb zur Unfruchtbarkeit verdammt sind.Eine große Gefahr, ihren Gegenstand zu verfehlen, besteht auch für die Lehrevom Volke, was daher kommt, daß, wie wir sahen, das Wort Volk sehr ver-schiedene Bedeutungen hat: siehe Seite 155 f. Deshalb müssen wir uns vorallem angelegen sein lassen, klar zu bestimmen, was jeweils unter Volk zuverstehen ist, das heißt, wir müssen uns bemühen, die drei Bedeutun-gen des Wortes Volk, und damit die drei Volkheiten möglichst klargegeneinander abzugrenzen. Damit ist aber auch ein nicht un-wesentlicher Teil der Volkswissenschaft schon getan, denn in der Begriffs-bestimmung treten die den einzelnen Begriffen anhaftenden Probleme klarzutage. Bei dieser Gelegenheit werden wir auch den drei Volksgestalten,die wir einstweilen wie Schiffe vor dem Stapellauf nur mit Ziffern als Volk I,II, III bezeichnet hatten, einen Namen geben.

I.

Wir beginnen mit dem am leichtesten zu bestimmenden Begriff: dem-jenigen, der das Volk I bezeichnet. Wie wir sahen, versteht man unter