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Volk I — das wir jetzt Staatsvolk taufen wollen — das insgesamt derAngehörigen eines Staatsverbandes.
Das ist, wie ich sagte, eine leidlich klar umschriebene Gruppe, deren Be-grenzung nur in besonderen Fällen Schwierigkeiten bereitet. Diese ent-stehen, wenn etwa der Staatsverband selber sich nicht deutlich in seinemGrenzen bestimmen läßt, wie das Deutsche Reich im Mittelalter oder dasheutige China; oder wenn im Innern eines Staatswesens Bürger minderenRechts von den Vollbürgern unterschieden werden, wie etwa die Sklavenim Altertum oder die Paria in Indien oder die Juden in Deutschland .
Abgesehen von diesen gelegentlichen Schwierigkeiten ist der Kreis desStaatsvolks scharf zu umschreiben:
1. der Umfang des Staatsvolks wird durch die Grenzen des Staatesbestimmt, dem es angehört: es schwankt heute zwischen 5000 (Andorra) und500 000 000 (China).
2. die Zusammensetzung des Staatsvolks ist verschieden, stelltaber in den heutigen Staaten meist ein buntes Gemisch dar nach Abstam-mung, Sprache, Kulturhöhe usw.
Machen wir uns an einigen Beispielen klar, wie ein heutiges Staatsvolkausschaut:
Deutschlands Bewohner sind rassisch der Typus eines Mischvolkes. AusUrrassen, homo alpinus, Kelten, Germanen, Slawen, Römern, Pruzzen, Hunnen,Awaren, Litauern, Wenden, Magyaren, Juden, die alle selbst schon wieder Rassen-gemische darstellen, ist ein Gemengsel entstanden, das (von den Juden abgesehen)Günther in fünf Rassen nach Merkmalen,— daher „Merkmalrasseri“ —• ein-teilt: die nordische, westische, ostische, dinarische und baltische, die über ganz.Deutschland verteilt durch einander wohnen und nur in dem kleinen Fleckenzwischen Weser und Elbe bis zum deutschen Mittelgebirge , d. h. in dem Lande,in das vom Westen nicht die Kelten und Römer, vom Osten nicht die Slaweneingedrungen sind, eine verhältnismäßig reine (nordische) Insel bilden. Inmanchen Gebieten Deutschlands , namentlich natürlich in den Großstädten, hatdie übertriebene Mischung bereits zu einer erheblichen Verschlechterung der Artbeigetragen, das heißt: ist das eingetreten, was man eine Verköterung nennt.
Der rassischen Mischung des deutschen Staatsvolks kommt die völkischegleich. Es ist bekannt, daß in den letzten Jahrhunderten, namentlich aus wirt-schaftlichen Interessen, große Massen Fremder in das Land gezogen wurden,unter denen früher die französischen Hugenotten, in letzter Zeit die Polen diebekanntesten sind. Für Preußen berichtet S c h m o 11 e r für das 18. Jahrhundert:„Aus Italien, Piemont, aus den Niederlanden, aus Frankreich, England, Däne-mark, Rußland, Schweiz und Österreich bezog Preußen seine Kolonisten.“ Es gabeine Zeit, in der von 13000 bis 15000 Berlinern 5000 Franzosen waren (Th.Fontane).
Sprachlich sind wir infolge des Versailler Diktats etwas einheitlicher ge-worden. Immerhin wurden (1925) nichtdeutsche Sprachen im Deutschen Reiche-