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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Bemühungen, ein entscheidendes Merkmal für die Begriffsbestimmungdieser Volkheit zu finden.

1. Das nächstliegende und deshalb auch am frühesten gewählte Merkmalist die gemeinsame Sprache.

So haben die Griechen selbst sich ursprünglich von den Nicht-Griechendurch die Verschiedenheit der Sprachen abgehoben. Sie nannten die Nicht-GriechenBarbaren, was stumm, stammelnd, unverständlich, nicht griechisch,fremd bedeutet. Erst seit H e s i o d kommt die Bezeichnung Hellenen in Auf-nahme. Aber auch dann noch gründen der Stolz und die Eigenart des Griechen-volks in der gemeinsamen Sprache und der durch sie bewirkten geistigen Schu-lung, namentlich in Philosophie und Rhetorik, die die Barbaren eben nicht be-saßen. Im 4. Jahrhundert v. Chr. vollzieht sich, unter dem Einfluß des I so-krates, die Einengung des BegriffsHellenen auf Griechen mit attischerBildung. So ergibt sich der Gegensatz zwischen Hellenismus und Attizismus,der fortan die Literatur beherrscht. Barbarisch bedeutete dann Verfehlung gegendas korrekte Attisch: das Merkmal grenzt nicht mehr das Volk II, sondern da&Staatsvolk (wenn überhaupt ein Volk und nicht eine Bildungsschicht) ab.

Vgl. Jul. Jüthner, Hellenen und Barbaren. 1923. Auch andere Völker,,wie die Slawen, haben sich selbst gegen fremde Völker durch die Spracheabgegrenzt: so nennen sie den Deutschen nemee (nein = stumm).

In der Literatur begegnen uns namentlich im Deutschen häufig Versuche, dasVolk durch das Merkmal der Spraehgemeinsamkeit zu bestimmen. So beiFichte:Nenne man die unter denselben äußeren Einflüssen auf das Sprach-werkzeug stehenden, zusammenlebenden und in fortgesetzter Mitteilung ihroSprache forlbildenden Menschen ein Volk... (4. Rede). So bei Jakob Grimm :Ein Volk ist der Inbegriff von Menschen, welche dieselbe Sprache reden. Dasist für uns Deutsche die unschuldigste und zugleich stolzeste Erklärung. Kleine-Schriften 7, 557. Ernst Moritz Arndts Antwort auf die bewegte Frage:Was ist des Deutschen Vaterland? ist bekannt. Vgl. auch Alexandervon Humboldt, Reise in die Äquinoctialgegenden des neuen Kontinents.Deutsch von H. H a u f f. 4 (1862), 214.

So einleuchtend diese Verknüpfung des Volksbegriffs mit der Sprache zu seinscheint, so steigen doch bei näherem Hinsehen nicht unwesentliche Bedenkendagegen auf, sie vorzunehmen.

1. Die Bedenken stammen zunächst aus dem Bereiche der Sprache selbst.

Die erste Schwierigkeit ist die: zu bestimmen, was überhaupt eine Spracheist. Meint man damit die Hochsprache oder die Mundarten oder die Dialekteoder die Volkssprache oder die Gemein- oder Verkehrssprache oder irgendwelcheSondersprache? So gibt es Literatursprachen wie etwa die v e d i s c h e oderalthochindische Sprache, die nur in Priesterkreisen gebräuchlich, sich vonGeschlecht zu Geschlecht vererbte_ Sie stand dem zugrundeliegenden nord-

westindischen Dialekt anfänglich naturgemäß sehr nahe, mußte sich aber imLaufe der Zeit mehr und mehr von der sich stetig ändernden Volksmundart ent-fernen, da der Priesterstand darauf bedacht war, die einmal anerkannte, reli-giösen Zwecken dienende und damit gewissermaßen geheiligte Sprache möglichstunversehrt zu erhalten. Vgl. z.B. F. N. Finck, Die Sprachstämme des Erd-kreises (1909), 9f. Der chinesische Sprachzweig umfaßt eine Reihe s»