stark von einander abweichender Dialekte, daß man sicherlich von verschiedenenSprachen reden würde, wenn nicht eine uralte, als Gemeinbesitz erachtete Litera-tur mit einer ganz eigenartigen Schrift eine gewisse, über allen Mundartenstehende Einheit schüfe. Diese Literatursprache ist nicht etwa die allgemeineUmgangssprache der Gebildeten: eine solche ist erst seit einigen Jahrzehnten imEntstehen.
Die Frage: was eine Sprache ist, berührt sich eng mit der anderen: was eineSprache ist. Hier haben uns die Sprachforscher wieder vor ein Gewirr von Pro-blemen gestellt. Wo liegt räumlich die Grenze zwischen zwei Sprachen? Wozeitlich? Beim Wandern aus Italien nach Frankreich kann man ebensowenigbestimmen, wo das Italienische aufhört und das Französische anfange, wie beidem Übergang von Serbien nach Bulgarien die Sprachgrenze dieser beidenLänder. Zeitlich: wann hört Lateinisch auf und fängt Italienisch oder Französischan? Wann endigen Sächsisch und Normannisch und beginnt Englisch ? usw,
Angesichts dieses Ergebnisses der Sprachwissenschaft, daß die einzelnenSprachen durchaus unbestimmte und unbestimmbare Größen sind — weshalbman heute auch über die Versuche lächelt, eine Sprachenstatistik aufzustellen,wie es noch F i n c k unternahm, der 2138 Sprachen herausrechnete — hat manfür praktische Zwecke das Auskunftsmittel gefunden: eine einheitliche Spracheanzunehmen, solange sich zwei sprechende Menschen verständigen können, inder Annahme, daß, soweit wie das Verständnis reicht, auch der Glaube an eineeinheitliche Sprache reicht, auf der durchaus richtigen Voraussetzung beruhend,daß die Verstehbarkeit des Sprechens die Grundbedingung für das zu demGlauben führende Gefühl der Zusammengehörigkeit das Wesentliche ist.F. N. Finck, Die Klassifikation der Sprache (1901), 7.
Dieser, ich möchte sagen subjelctivistischen Deutung der Spracheinheit neigensich auch hervorragende neuere Sprachforscher zu. So äußert sich Leo Weiß-g e r b e r, Die Stellung der Sprache im Aufbau der Gesamtkultur in „Wörter undSachen“ Band 16 (1934), 148 zu diesem Problem wie folgt: „Spracheinheit brauchtdurchaus nicht Einheitlichkeit einzuschließen, Sprachgemeinschaft kann nicht biszur völligen Gleichheit durchgeführt werden, sie ist zum größten Teil begründetin dem Hinzielen auf die Sprachgemeinschaft... der Zwang und das Streben, sicheiner geltenden Sprachnorm anzupassen (begründet und erhält) die Einheit einersolchen Sprachgemeinschaft...“ Zugehörigkeit zu einer Sprache besteht, „so-lange das bewußte oder unbewußte Streben vorhanden ist, die Sprachnorm, sei esder Mundart, sei es der Hochsprache, anzuerkennen und nach Kräften an diesemKulturbesitz Anteil zu gewinnen.“ Ganz ähnlich ist die Ansicht des bedeutendenfranzösischen Sprachforschers A. Meillet , wenn er schreibt: „l’unite lin-guistique est un ideal vers lequel on tend, mais qu’on n’atteint pas. Dans lesmeilleurs cas, il y a unite de norme, non unite de realisation.“ Les langues dansl’Europe nouvelle. 2 ed. 1928. p. 120. Vgl. auch das von demselben herausgegebeneWerk: Les langues du monde par un groupe de Linguistes etc., 1924, und seineIntroduction zu diesem Werk.
Daß für unsere Forschungszwecke auch diese Auskunft nur eine geringe Er-leichterung bedeutet, liegt auf der Hand; der Bretone versteht den Gascognernicht, der Bayer nicht den Mecklenburger. Und wenn wir nun den braven Bauerndanach fragen, ob er die gemeinsame Sprachnorm anerkennt oder nicht, so wer-den wir auch nicht viel herausbekommen. So steht der arme Zähler in vielem