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Fällen vor unlösbaren Problemen, ob er ein Individuum dem deutschen oder demlitauischen, dem französischen oder dem italienischen Volke zurechnen soll.
2. Weitere Bedenken, die Sprache als bestimmendes Merkmal der Volks-zugehörigkeit zu wählen ergeben sich aus bestimmten Beziehungen zwischenSprache und Sprechenden.
Wir begegnen oft genug unter denjenigen, die dieselbe Sprache sprechen,Menschengruppen so verschiedenen Gepräges, daß das Gefühl uns abhält, siedemselben Volke zuzuordnen.
Knüpft man die Untersuchung an den S p r a c h s t a m in an und rechnet alle,die einen zu diesem Sprachstamm zugehörigen Dialekt sprechen, zu den Gleich-sprachigen, also Volksgenossen, so bilden die 30 Millionen Afrikaner, die dieBantusprache (mit etwa 300 Dialekten) sprechen, ein Volk und sind doch rassischso grundverschieden. Dann gehören aber auch die Ostjuden zum — deutschen Volke, da Jiddisch bekanntermaßen ein ursprünglich deutscher Dialekt ist.
Gehen wir von der Gemein- oder V erkehrssprache aus, so ergebensich ebenso seltsame Folgerungen. Die Melanesier, die in unzählige Stämme zer-klüftet sind mit ebensoviel verschiedenen Sprachen, so daß z. B. in Neu-Guinea schon die Bewohner benachbarter Dörfer sich nicht ohne Dolmetsch verstehen,sprechen alle das sogen. Pejang, ein verstümmeltes Englisch, müßten also einVolk bilden, ja noch mehr: die zahllosen Bewohner des englischen Weltreichs,sowie Ostasiens, die Pidgeon-Englisch sprechen, unter Umständen als ihre Mutter-sprache, wie die Neger in den Vereinigten Staaten, wären ein Volk. Ebenso wiedie Bewohner des türkischen Reichs, die türkisch, die Menschen, die arabischsprechen usw.
Umgekehrt:
3. können Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, nicht trotzdem einVolk bilden? Sind die Juden auf der ganzen Erde, trotz ihrer Vielsprachigkeit,nicht doch ein Volk? Und gehört die zweite Generation derjenigen Deutschen, die ausgewandert sind und nicht mehr deutsch verstehen, nicht mehr zum deut-schen Volke?
Man sieht: Bedenken über Bedenken ergeben sich, wenn man das Volk IIdurch das Merkmal der Gleichsprachigkeit, abgrenzen will. Deshalb hat manfrühzeitig nach anderen Merkmalen der Volkszugehörigkeit Ausschau ge-halten, und zwar zunächst auch nach Merkmalen geistiger Natur und hat alssolche gefunden:
2. gemeinsame Religion, gemeinsamen Mythos, gemeinsameHeldensagen. Wir sahen schon, wie Schelling den Volksbegriffauf die Gemeinsamkeit des Mythos gründete und zweifellos ist in vielenFällen dieses ein bestimmendes Merkmal gewesen.
H e r o d o t (8.144) nennt die gemeinsamen Göttersitze und Opferstätten als einMerkmal der Hellenen. Auch von den Germanen behaupten manche, daß sie einVolk gebildet hätten, das durch den gemeinsamen Glauben zusammengehalten sei.Zweifellos sind die Juden als Volk durch die Jahrhunderte hindurch gekenn-zeichnet durch ihrer Väter Glauben und die ihnen gemeinsame Erziehung imGeiste dieser Religion. Die erobernden Araberstämme sind vielerorts zum Volk