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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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geworden durch ihren Glauben an Mohammed , und das spanische Volk hat sichermindestens an Festigkeit gewonnen durch seinen Kamp! gegen die Mauren .

Aber in ebenso vielen Fällen ist die Glaubensgemeinschaft nicht daseinigende Band, decken sich diese und das Volk ganz und gar nicht. Bei-spiele: die westeuropäischen Völker, aber auch Indien und China.

3. So hat man namentlich für die neuere Zeit andere geistige Mächtenamentlich Kunst und Wissenschaft als völkische Gemeinsam-keitsmerkmale herangezogen.Wer diese (die deutsche) Kultur bewußt oderunbewußt als ein Lebenselement in seiner Seele trägt, der ist ein Deutscher;Rasse, Sprache, Staatsangehörigkeit sind also nicht entscheidend 83 ).

Das klingt ungemein einleuchtend und wird von vielen klugen Menschengeglaubt.

Kein Geringerer als Bismarck hat folgende Worte allerdings vordem Akademischen Gesangverein zu Wien am 2. Juni 1892 gesprochen:Die Kunst und Wissenschaft sind das, was uns Deutsche verschiedenerLänder zusammenhält. Wir haben immer gemeinsame deutsche Kunst

gehabt_Deutsche Kunst und deutsche Poesie sind es, welche ein geistiges

Band zwischen allen Deutschen bilden, die alle Gefahren und Kämpfe über-dauert haben und auch in Zukunft wird es so bleiben ein Bindemittelunserer gegenseitigen nationalen und geistigen Beziehungen-

Trotz der hohen Autorität des Sprechers und anderer Vertreter diesesStandpunktes wage ich die Richtigkeit dieser Auffassung zu bezweifeln, undzwar aus folgenden Gründen: handelt es sich um die Produzenten von Kunstund Wissenschaft, so würden also die Grenzen des Volkes bestimmt werdendurch den Umkreis von Werken einer bestimmten völkischen Prägung: dieSchöpfungen Grünewalds oder Bachs oder Hölderlins würdenden Kreis von Menschen, in dem sie lebten und wirkten als Deutsche heraus-heben (wobei wir noch nicht einmal an den Fall denken wollen, in denen einGenius seine Werke in der Fremde schafft: Chopin ! Byron! Turgen-jeff!). Dabei drehen wir uns im Kreise herum: um den Künstlern (vonWissenschaftlern kann hier überhaupt nicht die Rede sein) diese besondereKraft zu verleihen, müssen wir schon wissen, daß sie einem be-stimmten Volke, in unserm Falle also dem deutschen, angehören. Für dieWissenschaft tritt, wie ich schon andeutete, der erschwerende Umstandhinzu, daß die wissenschaftlichen Schöpfungen in den meisten Fällen, jeden-falls die naturwissenschaftlichen, überhaupt keinen völkischen Charaktertragen. Ob Kopernikus Deutscher oder Pole ist, kann man sicher nichtaus seiner Entdeckung ableiten.

Handelt es sich dagegen um die Konsumenten von Kunst und Wissen-schaft, so sind die Bedenken fast noch größer, die gleiche geistige Kultur als

S o m b a r t : Vom Menschen

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