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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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dern durch den Stil oder wie ich sagte: die gesellschaftliche Färbung, diedas Gemeinwesen bekommt. Dieses wird sozusagen auf die Interessen einersozialen Schicht eingestellt und trägt deren Gepräge in allen seinen Teilen,geistigen wie materiellen.

Wenn wir etwa die neue Zeit als Beispiel nehmen, so bemerken wir, daßin der Zeit des Hochkapitalismus die Interessen der Kapitalisten-Klasse undder Gebildeten (Intellektuellen) den Ton angegeben haben. Auch der Ge-bildeten, wie es Bismarck selbst einmal bestätigt hat, wenn er sagte: 90 )Die Erfolge der nationalen Entwicklung eines jeden Landes beruhenhauptsächlich auf der Minorität der Gebildeten, die das Land erhält. Ichhabe bei irgendeiner neulichen Gelegenheit gesagt: Eine Verstimmung derabhängigen Massen kann eine akute Krankheit hervorrufen, für die wir Heil-mittel haben; eine Verstimmung der gebildeten Minorität ruft eine chro-nische Krankheit hervor, deren Diagnose schwer ist und deren Heilunglangwierig.

Das Zeitalter des Spätkapitalismus ist dadurch gekennzeichnet, daß inden westeuropäischen Ländern der Staat einen mittelständischen Aspektangenommen hat, ganz gleichgültig, welche Verfassung er hat: in den parla-mentarisch oder demokratisch regierten Ländern ist die Weltanschauungdes Kleinbürgertums, der petite bourgeoisie, der under middle Class ebensobestimmend für den gesamten Lebensstil geworden, wie in den faschisti-schen Staaten. Nur Rußland macht eine Ausnahme, wo man versucht, imGeiste der untersten Volksschicht zu regieren.

Das ist keinematerialistische Geschichtsauffassung, sondern das Gegen-teil davon, was hier nicht ausgeführt werden kann, wo es lediglich daraufankam, auf eine der Funktionen des Staatsvolks hinzuweisen.

Aus diesen Grundeinsichten ergeben sich die theoretischen und prakti-schen Probleme der Staatsvolkskunde. Theoretisch gilt es vor allem, dieUmstände in zwei große Gruppen zu teilen: solche, die beeinflußbar und.solche, die es nicht sind. (Das war auch W. H. Riehls Meinung, der wohlmeist das Staatsvolk im Sinne hatte, wenn er vom Volk sprach.)

Daß eine Nation nach außen stark, im innern fruchtbar werde und damitsine Zierde im Garten des Herrn, vermag keine noch so zielbewußte Politiksich zur Aufgabe zu stellen. Es hängt davon ab, ob der geniale Staatsmann,der geniale Feldherr, der geniale Künstler, der geniale Gottesstreiter derNation beschert werden, und das steht nicht in Menschenhand, das istGnade. Das einzige, was die Staatslenker durch ihre bewußte Politik tunkönnen, ist dieses: die Bereitschaft der Nation zu wecken, dadurch, daß siedie Bedingungen schaffen, die die Erfüllung der nationalen Aufgaben ge-währleisten. Diese Bedingungen liegen aber letzten Endes in den nackten