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Individuen, die den Körper der Nation, wie wir sagen, bilden (abgesehenvon den natürlichen Gegebenheiten des Landes, in dem die Nation zuleben hat.) Vgl. auch das 23. Kapitel!
Diese Auffassung, daß die Einzelnen die Quelle sind, aus denen Machtund Fülle der Nation fließen, hat die Staatsweisheit der vergangenen Jahr-hunderte wenigstens in Hinsicht auf die mengenmäßige Gestaltung derBevölkerung noch vertreten und in ihrer „Peuplierungs“-Politik zum Aus-druck gebracht. In der verflossenen liberalistischen Epoche war sie nui;allzu häufig durch andere, abstrakte Betrachtungsweisen verdrängt worden,nach denen irgendwelche Grundsätze, Einrichtungen, Theorien als letzthinmaßgeblich für die Gestaltung des Staates angesehen wurden und der leib-haftige Mensch durch das „gleiche“ abstrakte Individuum ersetzt wordenwar. Man muß schon bis zu der „Politik“ des Aristoteles zurückgehen,um in einer Staatslehre auf die richtige Ansicht zu stoßen. Hier werden imIV. (VII.) Buche ausführlich die Grundsätze entwickelt, nach denen mengen-und artmäßig die Bevölkerung gestaltet sein muß, um den Anforderungender Polis zu entsprechen. Beeinflußbar aber ist die Beschaffenheit desStaatsvolks vornehmlich nach folgenden Seiten hin: daß es kräftig undgesund ist; daß es nützliche Tätigkeit verrichtet und daß es nicht rebelliert.Die Politik, die sich aus diesen Forderungen ergibt, ist hier nicht zu ent-wickeln 91 ).
II
Bei dem Versuche, das Wesen und die mit ihm verbundene Problematikdes Sprachvolkes zu erfassen, begegnet uns die Tatsache, daß mandiesem — es immerfort mit dem Staatsvolk verwechselnd — Eigenschaftenangedichtet hat, die es nicht besitzt. Dieses klar zu stellen, muß heuteeinen wesentlichen Teil der Lehre vom Sprachvolk bilden, die zum großenTeil mit falschen Annahmen und Voraussetzungen arbeitet und deshalb zuunrichtigen Ergebnissen gelangt.
Dabei sehe ich von den metaphysischen Unterstellungen ganz ab, vondenen wir schon Kenntnis genommen haben. Und beschränke meine Kritikauf solche Behauptungen, die ein wissenschaftliches Gepräge tragen, unddeshalb auch im Rahmen unserer Untersuchungen sehr wohl zu Recht be-stehen könnten, wenn sie — nicht falsch wären. Das sind aber folgendesechs, die ich als die wichtigsten auswähle (wobei Volk immer Sprachvolkbedeutet):
1. das Volk sei eine Lebensgemeinschaft;
2. das Volk sei ein Verband;
3. das Volk sei ein Ganzes;