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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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4. das Volk habe eine einheitliche Kraft;

o. das Volk habe einen einheitlichen Willen;

6. das Volk sei Trägerin der Geschichte.

1. Das Volk ist keine Lebensgemeinschaft. Wenn wir hinterdiesem verschwommenen Begriff irgendeinen Sinn lassen wollen, so kannes'nur der eines regelmäßigen persönlichen Verkehrs zwischen Menschen,sein. Dann stehe ich also in Lebensgemeinschaft mit meiner engerenFamilie, nicht mit den entfernten Verwandten, die ich alle Festtage einmalsehe, selbst nicht mit meinem Sohne in Brasilien; ich stehe in Lebensgemein-schaft mit meinen täglichen Arbeitsgenossen, mit meinen Stammtisch-oder Sportvereinsbrüdern; aber mit den übrigenVolksgenossen? Was,soll das heißen: der Ostpreuße steht mit dem Rheinländer in Lebensgemein-schaft? Offenbar gar nichts. Wohl steht der Ostpreuße an der Grenze ineiner Lebensgemeinschaft mit seinen litauischen, der Rheinländer mitseinen belgischen Grenznachbarn, mit denen er täglich im Kleinhandels-verkehr zusammenkommt. Aber der Ostpreuße mit dem Rheinländer? Odergar der Siebenbürger Sachse mit dem deutschen Farmer in Brasilien?

2. Das Volk ist kein Verband, kein Gemeinwesen oder gar eine Ge-meinschaft. Hier müssen wir zwischen Verband und Verbundenheit unter-scheiden. Wir wissen aus dem Ersten Teile dieses Buches, daß Menschenimmer und überall nur im Geiste verbunden sind. Das gilt selbst für zweianeinander gefesselte Galeerensträflinge (denn was anders als der Geisthat die Ketten zusammengeschmiedet?) wie für das Liebespaar (denn dieFormen, in denen sie verkehren sind geistigen Ursprungs) wie für die natür-lichste aller Beziehungen: das Kind-Mutterverhältnis (aus demselbenGrunde).

Aber bloße Verbundenheit bedeutet noch keinen Verband. In einem Ver-bände stehen Menschen erst dann, wenn sie in einer Idee, einer Intentionoder einem Zweck zu einer geistigen Einheit und damit Ganzheit zusam-mengefügt sind, wenn ihre Verbindung einen Sinn bekommen hat, ein Sinn-gebilde geworden ist. Dieser Sinn allein hat verbandbildende Kraft unddieser Sinn mangelt dem Sprachvolke. Denn woher sollte ihm ein solcherSinn kommen?

Man könnte an die beiden primären- Merkmale denken, nach denen wirdas Volk bestimmt haben: Blutsverwandtschaft und Sprache.

Aber keins von ihnen bildet einen Verband: die Blutsverwandt-schaft nicht, weil sie kein geistiger Tatbestand ist, also nicht einmalVerbundenheit bewirkt. Wenn selbst Mutter und Kind keinen Verband immenschlichen Sinne bilden: wie viel weniger Vater und Kinder, Geschwisteruntereinander oder gar entfernte Verwandte und schließlich die Volks-