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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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genossen. So entscheidend wichtig die Blutsgemeinschaft für das mensch-liche Zusammenleben ist: eine Verbindung zwischen Menschen wird ersthergestellt, wenn ein geistiges Band die Blutsverwandten verknüpft: dieFamilie, das Totemtier, die Sippentradition und Sippenverpflichtung undähnliches.

So einfach die Sachlage im Falle der Blutsverwandtschaft ist, so ver-wickelt ist sie im Falle der Sprache, die ja dasjenige Element, dessenFehlen vorher die Verbandsbildung hinderte, in Hülle und Fülle besitzt:Sprache i s t Geist, wie wir bereits wissen. Und trotzdem hat sie keine ver-bandbildende Kraft, wie folgende Erwägungen ergeben. Sprache, um be-stehen zu können, setzt immer schon einen Verband voraus, innerhalbdessen sie gesprochen wird: sie kann diesen also nicht selbst bilden. Wirmüssen uns klarmachen, daß die Sprache zwar für die Geselligkeit derMenschen und für ihre Gemeinschaften wirkt und tätig ist, daß sie abernicht die Kraft hat, aus eigenen Mitteln eine Gemeinschaft zu gründen, nochzu erhalten. Die Sprache ist immer nur ein Verbindungs m i 11 e 1, ja wirkönnen sagen: das wichtigste, Sprachgleichheit erleichtert die Verbindung.Immer aber muß etwas anderes den Anlaß zur Verbandsbildung geben.Wenn es gleichwohl oft den Anschein hat, als sei es die Sprache, die dieMenschen eint, so hat dies seinen Grund darin, daß häufig die Sprache oderrichtiger: das Bemühen um die Sprache den Inhalt des Strebens irgend-welcher Verbände bildet, ja zuweilen sogar den Anlaß zur Bildung von Ver-bänden gibt. In der neueren Zeit ist es vor allem der nationale Verbandder über die nationale Sprache wacht. Aber gerade in diesem Falle wird esdeutlich, daß es der nationale Verband ist, der die Sprache formt, nichtumgekehrt, wie das mit Bezug auf Frankreich Karl V o s s 1 e r in über-zeugender Weise nachgewiesen hat: ,.Die französische Schriftsprache alsKunstsprache betrachtet, ist ein Grundstock der politischen Mystik, amStamme des französischen Nationalgefühls, am Pfeiler des königlichen Ein-heitsgedaükens emporgewachsen... ohne die dichterische Glorie des altenFranzien wäre die Mundart jener Landschaft schwerlich so leicht zumSiege gekommen 92 ). Neben den nationalen Verbänden selbst, sind es Ver-einigungen in staatenlosen Völkern, die eine bestimmte Sprache propagie-ren, um zum nationalen Verbände zu gelangen, wie die Zionisten. Oder essind Zweckverbände aller Art, die sich als Aufgabe stellen, die Sprache desLandes zu reinigen, zu erhalten, zu verschönen oder die sogar eine neueSprache schaffen wollen, in versprengten Sprachgruppen: Lesevereine,literarische Gesellschaften, Sprachvereine usw., die das Sprachgut unddamit die Nationalität oder Volkheit zu erhalten trachten u. dgl. In allendiesen Fällen scheint die Sprache die Verbandbildnerin zu sein, in Wirklich-