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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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keit ist sie es nicht, ist es vielmehr immer nur das Bemühen um die Sprache,das einem aus anderer Wurzel entsprossenen Verbände den Inhalt gibt.

Die hier vorgetragene Ansicht, steht, wie ich nicht versäumen möchte zubemerken, im Widerspruch mit der herrschenden Lehre der Sprachforscher.Diese reden meist in begeisterten Ausdrücken von einerSprachgemein-schaft, ohne zu sagen, was sie unter Gemeinschaft verstehen, meinen aberdoch offenbar eine Verbandsform. Denn wie könnte sonst diese mysteriöseSprachgemeinschafthinreichende Kräfte und Anstöße (gewinnen), um dieWelt der Geschichtlichkeit in entscheidender Weise mitzugestalten (!).Dieses sind die Worte Leo Weisgerbers, des leidenschaftlichsten undausführlichsten Vorkämpfers für die Idee einerSprachgemeinschaft mitZiel, Wille und Bewußtsein (!).

Auf eine Verwechslung zwischen Staatsvolk (Nation) und Sprachvolkläuft auch die bei den Franzosen (Tarde, Le Bon, Fouille) sehr be-liebte Wechselwirkungstheorie hinaus, die Alfred Fouille, Psychologiedu Peuple framjais (1898), 10, wie folgt, formt:

entre les cerveaux des individus se produit un ensemble dinfluences-aboutissant ä une Organisation de sentiments et didees dont lexplicationne reside plus dans un seul individu, ni meme dans la simple somme des-individus, mais dans la mutuelle dependance des individus les uns parrapport aux autres et aussi par rapport ä ceux qui les ont precedös. Cest.seulement en ce sens, quil y a organisme national, cest ä diresolidarite teile que lexplication de la partie doit etre cherchee dans le tout,.non moins que celle du tout dans les parties ...

Was könnte sonst Menschen noch verbinden? Kunst und Litera-tur? Gewiß. Die Goethe-Gemeinde bildet einen intentionalen Verband,,die Goethe-Gesellschaft sogar einen Zweckverband. Aber was haben die-paar hundert Goetheverehrer mit dem deutschen Volk zu tun? Daß dieses-auch verbunden ist, aber immer nur soweit es im deutschen Reich vereinigtist als Staatsvolk, wissen wir. Und dann ist der Verband, der es zusammen-hält, der Staat. Immer wenn man von dem Volksverbande spricht, kannman sinnvoll nur den Staatsverband oder die Nation meinen.

Mit der Feststellung, daß das Sprachvolk keinen Verband bildet, erledigensich eine Reihe anderer Feststellungen, die nur einen Sinn haben, wo einVerband vorhanden ist. Also

3. das Volk ist keine Ganzheit. Es gibt in der Menschenwelt, außerdem Organismus der Einzelindividuen, keine andere als geistige Ganzheiten.Gesellschaftliche Ganzheiten sind aber Verbände; da das Sprachvolk keinVerband ist, kann es auch keine Ganzheit sein. Wo es als solche erscheint*verdankt es sein ganzheitliches Gepräge wiederum dem Staate.