4. Das Volk hat keine einheitliche (Volks-) Kraft, aus dem-selben Grande. Von einer Kollektivkraft (im übertragenen Sinne) kann manimmer nur da sprechen, wo ein Verband Leistungen vollbringt, die sichnicht auf einzelne Personen zurückführen lassen, wie ein gesellschaft-licher Großbetrieb, ein Laboratorium, eine Armee, ein Staat.
5. Das Volk hat keinen einheitlichenWillen. Damit ein solchervorhanden sei, bedarf es eines bestimmten Organs, das sein Träger ist:Monarch, Kabinet, Direktorium, Führer eines Betriebes, einer Expedi-tion usw. Ein solches Organ setzt eine Organisation, das heißt einen Ver-band, voraus, fehlt also dem Volke. Aus demselben Grunde kann dasSprachvolk
6. nicht Träger der Geschichte sein. Es hat zwar eine Ge-schichte, aber besonderer Art, worüber wir im folgenden noch genauereserfahren werden.
Fragen wir aber, was denn nun im bejahenden Sinne das Sprachvolk ist,so muß die Antwort lauten: es ist als gesellschaftliche Erscheinung einezusammenhanglose, statistische Gruppe von Menschen mit bestimmtenMerkmalen (die ich oben aufgezählt habe). Über diese Tatsache darf dasVorhandensein völkischer Willenszentren innerhalb dieser statistischenGruppe nicht hinwegtäuschen. Solche Willenszentren bilden alle Verbände,die sich die Pflege und Förderung der völkischen Interessen angelegen seinlassen, sei es in Gestalt von intentionalen oder Zweckverbänden, sei esdaß ihr Bestreben kulturelle, politische oder gesellige Ziele verfolgt. Nurim Rahmen dieser völkischen Einzelverbände gibt es so etwas wie ein völki-sches Bewußtsein, ein völkisches Einheitsgefühl, einen völkischen Willen.Warum, so fragt der unbefangene Beobachter unwillkürlich, hat man nuneigentlich diesen so mühsam zu bestimmenden Begriff des Sprachvolks ge-bildet und warum interessiert man sich so sehr gerade für diese Gestaltdes Volks? Die Gründe sind, soviel ich sehe, ästhetischer, wissenschaft-licher und politischer Natur.
Die ästhetischen Gründe des völkischen Interesses sind wohl dieältesten: man glaubte, als man zuerst dem Sprachvolk seine Aufmerksam-keit zuwandte, in ihm Sonderart, Farbe, Prägung zu finden und wollte sichan ihrem Anblick erfreuen, weil man des grauen Einerleis der rationa-listisch-abstrakten Betrachtung des Menschen überdrüssig war. So fing manan, sich für die Buntheit der Volkspoesien, des Brauchtums, der Sprachenzu interessieren. Es ist hier die Freude am Individuellen, was die Menschenfür das Sprachvolk sich erwärmen läßt.
Da es sich hierbei schon nicht mehr um den Allgemeinbegriff Volk, son-dern um seine Ausstrahlungen in die Völker handelt, werden wir uns die