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Aus wissenschaftlichen Gründen mußte das Interesse amSprachvolk in dem Augenblick erwachen, in dem man ernstlich Geschichtezu treiben begann. Denn alsdann mußte sich sehr bald ergeben, daß manohne den Begriff des Sprachvolks nicht auskam.
Bedeutsame geschichtliche Ereignisse haben sich bekanntlich in der Weisezugetragen, daß man Völker, die ursprünglich Staatsvölker waren, durchEroberung und Vernichtung ihres Staates dieses Charakters entkleidet unddadurch zum Spielball anderer Staaten gemacht hat. Das Schicksal dieserstaatenlos gewordenen Völker zu verfolgen, besteht nicht nur für derenAngehörige, sondern für die Allgemeinheit ein lebhaftes Interesse, wenn essich um wertvolle Teile der menschlichen Gesellschaft handelt. Um in dieserWeise den Verlauf der Geschichte verfolgen zu können, bedarf es aber einesbesonderen Begriffes Volk, der verschieden ist von dem des Staatsvolks unddas ist eben der des Sprachvolks. Dieser bietet die Möglichkeit dar, dasSchicksal dieser Menschengruppe, die aufgehört hat, ein Staatsvolk zu sein,zu verfolgen, auch wenn sie kein Staatsvolk bildet und deshalb nicht Träger,sondern nur Stoff der Geschichte sein kann. Um die Rolle, die der Begriffdes Sprachvolks in der Geschichtsbetrachtung spielen kann, anschaulich zumachen, werfe ich einen Blick auf das Schicksal eines Volkes, das West-europa fern genug steht und doch in den letzten Jahren ebenso durch diepolitischen Ereignisse wie durch die Romane Grigor Robakidses unsnahe gebracht ist: des georgischen.
Georgien hat im steten Wechsel die Herrschaft der verschiedenstenfremden Staaten erlebt und hat sich immer wieder von ihr befreit und einselbständiges Gemeinwesen gebildet. Heute da es wiederum unter einfremdes Joch sich beugen muß, glüht das Feuer völkischer Begeisterung inden Herzen der georgischen Patrioten stärker denn je.
So war der Ablauf der georgischen Geschichte: erst erobern das Landdie Sassaniden, dann die Chosaren, dann die Araber: alle drei werdenwieder vertrieben. Es folgt eine Periode der Selbständigkeit im 10. und11. Jahrhundert, dann kommen die Seldschuken und machen sich zu Herrendes Landes. Als sie vertrieben sind, erlebt das Land seine höchste Blüte:ein mächtiger, georgischer Staat reicht vom Schwarzen zum KaspischenMeer. Aber die Herrlichkeit dauert wieder nicht lange: im 13. Jahrhundertüberwältigen die Mongolen den georgischen Staat, den sie — mit kurzerUnterbrechung — zwei Jahrhunderte hindurch beherrschen: Georgiens Kraftist gebrochen, es wird in 3 Königreiche und 5 Fürstentümer geteilt. Im16. Jahrhundert geht das Land aus den Händen der Mongolen in das der