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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Perser, bald danach aus der Hand der Perser in die der Türken über, wirdaber von den Persern zurückerobert. Ende lies 18. Jahrhunderts schließtsich das Land freiwillig durch einen Vertrag an Rußland an. Rußlandjedoch wird wortbrüchig und einverleibt Georgien als Provinz dem Russi-schen Reiche. Gegen Ende des Weltkrieges wird Georgien wieder einselbständiger Staat. Im Februar 1921 erobert eine bolschewistische Armeedas Land, das seitdem wieder einen Teil des Russischen Reiches bildet.Was, so fragen wir, ist nun in all diesem Wechsel das Bleibende? Wasin dem unausgesetzten Formwandel gleichsam die Substanz? Wir antwor-ten: das Land, aber das ist nur ein bildlicher Ausdruck. Wir meinen damitnicht das Stück Erdoberfläche im geographischen Sinne, sondern wirmeinen die Menschen, die darauf wohnen, nun eben das georgische Volk,das nicht das georgische Staatsvolk ist, sondern ein selbständiges Ge-bilde, unser Sprachvolk, das also wie wir jetzt wahrnehmen eine fort-laufende Geschichte Georgiens erst möglich macht.

Ganz ähnlich liegen die Dinge bei den Rumänen, den Polen, den Arme-niern, den Griechen und vielen anderen Völkern.

Der Begriff des Sprachvolks hat also in diesen Fällen, wie wir sagenkönnen, eine ordnerische Funktion. Das gilt zunächst für die politische, dieeigentliche Geschichte. Aber auch für das, was wir Kulturgeschichte nennen,läßt sich etwas ähnliches nachweisen. Der Begriff des Sprachvolks dienthier dazu, um bestimmte Kulturleistungen durch Beziehung auf dieses zueiner Einheit zusammenzufassen und vielleicht sogar einen inneren Zu-sammenhang zwischen ihnen und einer bestimmten Gruppe von Menschenfestzustellen. Um so etwas wie eine deutsche Kunst, eine deutsche Musik,eine deutsche Wissenschaft zu konstruieren, muß man in der Gestalt desSprachvolks einen Rahmen haben, innerhalb dessen man diese Begriffegelten lassen kann. Schwierig wird die Sachlage in denjenigen Fällen,in denen die Zugehörigkeit des Kulturschöpfers zu einem bestimmtenSprachvolk zweifelhaft ist und er von verschiedenen Völkern in Anspruchgenommen wird. Noch eine andere Funktion im Wissenschaftsbetriebespielt das Sprachvolk dort, wo man vonBlütezeiten undVerfall odervon einem Kindheits-, Jugend-, Mannes- und Greisenalter der Völker spricht.Diese botanischen und biologischen Analogien haben nur dann wenigstenseinen scheinbaren Sinn, wenn man in der Gestalt desewigen Sprachvolksein Substrat hat, auf das man sie beziehen kann.

Politisch dient der Begriff des Sprachvolks dazu, die Machtbestre-bungen des Staatsvolks, das heißt also der Nation zu unterstützen. Deshalbist das politische Interesse an der Sprachvolkstheorie in allen denjenigen

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