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Ländern besonders rege, die einen kleinen Staatsbereich und eine großeDiaspora haben. Daß den zahlreichen vom Staatsvolk ausgeschlossenenVolksgenossen ihre Eigenart in fremden Ländern möglichst gewahrt bleibe,,damit sie — auch wenn man an ihre Wiedervereinigung mit dem Mutter-volke nicht denkt — doch dieser Mutter auch in der Fremde treu bleibenund nützliche Dienste leisten können, ist das begreifliche Streben jedes-Patrioten, der sich darum für Sprachvolkskunde interessiert. Etwas spieltdabei wohl die Größensucht der Zeit mit, die schon einen Wert in der großenZahl an sich erblickt, so daß in unserm Falle es als eine erfreuliche Tatsacheempfunden wird, wenn ein Volk 50 statt 40 Millionen Angehörige hat.
Umgekehrt gewährt den kleinen und kleinsten Sprachgruppen der Begriffdes Sprachvolks die Möglichkeit, ihr Recht auf Existenz geltend zu machenund ihnen womöglich einen Anspruch auf politische Selbständigkeit zu ver-leihen, da für das Sprachvolk nicht die politische Bewährung notwendig ist,um es ebenbürtig neben andern Völkern erscheinen zu lassen. Der Begriffdes Sprachvolks kommt dem demokratischen Zug der Zeit entgegen, dieauch im Verhältnis der Völker zueinander keine Werteabstufung, sondernGleichheit anerkennt. Er dient dazu, könnte man sagen, den vielen Leutenpeinlichen Begriff der „Großmächte“ seines Zaubers zu entkleiden.
Da solcherweise politische Ansprüche häufig aus statistischen Feststellun-gen abgeleitet werden, so ist es begreiflich, daß namentlich in Grenzgebietengenaue Erkundungen über den ziffernmäßigen Bestand des eigenen Sprach-volks und seine mannigfachen „Leistungen“ auf allen Gebieten in Ver-gangenheit und Gegenwart sehr beliebt geworden sind. Solcherart Studienbilden einen immer größeren Bestandteil der Volkstheorie, so daß man vondieser geradezu gesagt hat, sie stehe unter dem „Gesetz der Grenze“, in-sofern, als der Grenzkampf und der praktische Fragenbereich der Völker-mischgebiete die Untersuchung der volkstheoretischen Probleme bestimmt 93 ).
Allen derartigen wissenschaftlichen und praktischen Bestrebungen dient,aber als Leitstern die Idee des Sprachvolks.
III
Die Probleme, die man mit dem Begriff des Grundvolks verknüpft hat.und deren Erörterung Gegenstand wiederum einer besonderen Volkskundeoder Volkstumskunde geworden sind, tragen ein historisches Gepräge: sieentsprechen einem Zustande Westeuropas, wie er vor etwa 100 oder etwasmehr Jahren sich dem frühen Beobachter — sagen wir Herder — darstellt:damals gab es noch eine nach eigenen, inneren Gesetzen lebende „untere“Volksschicht, die in einem scharfen Gegensatz zu der Oberschicht stand,unter der man im wesentlichen den Adel und das gebildete Bürgertum begriff..