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Oberschicht zur Unterschicht nahmen: die Lehre von der „Senkung desKulturgutes“ bildet einen wesentlichen Bestandteil der Volkstumkunde.
Diese alte Volkstumlehre, die in vielerlei Gestalt bis heute noch besteht,mußte nun aber im Verlauf des letzten Jahrhunderts in ihren Grundlagenerschüttert werden durch die schlichteTatsache, daß ihr ihr Gegenstand: dasVolk in Gestalt des Grundvolks allmählich abhanden kam: Dank einer-seits der sozialen Umwälzungen, die in diesem Zeitraum stattfanden: Ent-wurzelung der Wirtschaft, Entstehung der großstädtischen, Entstehung dergroßindustriellen Massen und die es mit sich brachten, daß es keine Ober-Unterschicht und kein „gesunkenes Kulturgut“ mehr gibt, daß dessen „Ab-wanderung“ teils von der Stadt aufs Land, teils vom Lande in die Stadterfolgt, und daß alle frühere „Gesetzmäßigkeit“ durch Radio, Reklame,Reiserei längst zerstört ist; dank andererseits der geistigen Revolu-tionierung, die in einer unaufhaltsam fortschreitenden Rationalisierung oder„Entzauberung“ aller Schichten der Bevölkerung besteht. Dieser Vorganghat schon lange eingesetzt. Er ist in vollendeter Meisterschaft vor 80Jahren von dem mehrfach erwähnten Bogumil Goltz geschildert wor-den, dessen Worte verdienen, der Vergessenheit entzogen zu werden:
„Wenn ein Bauernsohn oder ein Handwerksgeselle den ersten Kulturgradgewinnt, wenn er überhaupt zu den geborenen Rationalisten gehört, dannist der Nüchternheit auch kein Ende. Derjenige Techniker und Blusenmannin Deutschland und am Rhein ist in der Regel ein Todfeind aller Poesie undalles dessen, was nur im entferntesten nach einer idealen Welt aussieht. Dieromantische Mittelalterlichkeit ist ihm heute ein Greuel. Die erste Kultur-stufe besteht bei Leuten aus dem Volke in einer Mechanik und Förmlichkeitdes Verstandes, in der Opposition gegen die Seele, die nackte Natur und wasmit ihr zusammenhängt.
Dem bildsamen jungen Techniker und Handwerker ist instinktsmäßig allesfatal, was ihn auch nur scheinbar wieder in das allgemeine Niveau, in dassinnlich-elementare, regellose Leben zurückschicken könnte, dem er sichmühsam entrungen hat.
Eben daher berührt ihn Märchenpoesie, Romantik und Schwärmerei fürdie Natur als eine Phantasterei und Fatalität. Er will eben Mittel und Wegefinden, diese Natur zu begreifen, sich ihre Elemente dienstbar zumachen (NB. ohne Magie W. S.) und zu dem Ende schwärmt er für Natur-wissenschaft, für technische Künste und für den Verstand. Die trivialsteErklärung und die mechanische Weltanschauung ist ihm ja nur deswillendie liebste, weil mit Mysterien Priester, bevorrechtete Stände, Talente undAutoritäten Zusammenhängen, welche der Demokrat um jeden Preis los seinwill“! Bog. Goltz: Zur Physiogn. u. Charakt. des Volkes (1859!), 78—79*