Nun ist natürlich das Grundvolk nicht in allen Ländern und nicht in allenTeilen desselben Landes und nicht auf allen Gebieten der Kultur gleichmäßigrasch und gleichmäßig gründlich verschwunden: in Osteuropa findet es sichheute noch in weitem Umfange vor, auch in manchen Provinzen der west-europäischen Länder begegnen wir ihm noch; im Bereiche der Sachvolks-kunde ist der Verfall rascher gewesen als in dem der geistigen Volkskultur.
So haben sich überall noch Reste erhalten, und an diese Reste klammernsich die Volkskundler älteren Stils. Die jüngeren haben sich der verändertenSachlage dadurch anzupassen versucht, daß sie ihren Gegenstand wech-selten: an Stelle eines sozialen Begriffs setzten sie einen seelisch-geistigen.
So lesen wir:
„Die Grenze..., die das Beobachtungsgebiet der Volkskunde umzäunt,kann nur eine geistige, keine soziale Grenze sein; denn die Volkskunde be-schäftigt sich nicht mit dem geistig-seelischen Leben irgendeiner mehr odetminder großen, volkhaften Unterschicht, sondern mit dem Unterschichtlichenim Volksmenschen.“ A. Spam er, Wesen, Wege und Ziele der Volkskunde(1928), 10—11.
„Die Volkskunde beschäftigt sich im Rahmen einer Nation (!) mit der volk-haften Geistigkeit der Volksgenossen. Aber während die äußere Grenzefließend ist, ... steht die Bescheidung auf eine bestimmte, unterschichtige,allgemein verbindliche volkhafte Geistigkeit fest.“
Derselbe, Volkskunde als Lebenswissenschaft (1933) 253.
Und noch schärfer bei einem jüngsten Volkskundler: „Volkskunde treibenheißt, das durch den Widerstreit von Erkenntnisdrang und sozialer Ver-dichtung bestimmte Leben von Volksgenossen (der beiden anderen Volk-heiten! W. S.) in Wörtern und Sachen sehen und kennenlernen und in seinerGesamtheit begreifen.“ H a r m j a n z, a. a. 0. S. 140. Bei diesem Autor ver-flüchtigt sich der Begriff des Volks aus einem Kollektiv von Menschen ineinen Umkreis von Problemen. Volk definiert er als den „Grundbezirk,dessen Inhalt der Widerstreit von Wissen und Glauben ist“. Ebenda S. 135;der „volkstümliche Bezirk“ ist das „Auf und Ab von Erkenntnisdrang undsozialer Verdichtung“ (S. 137; vgl. S. 139). „Volk“ ist dasjenige „Lebens-feld“, auf dem formell der Widerstreit zwischen Erkenntnisdrang undGlauben, materiell die Spannung zwischen Trivialität und Ethos herrschen(S. 159) usw.
Damit sind aber die Probleme der Volkskunde nicht mehr Probleme, dieeinen besonderen Volksteil betreffen, sondern haben entweder überhauptaufgehört, völkische Probleme zu sein (wie der Gegensatz magischen undrationalistischen Denkens) oder sie sind allgemein völkische Probleme ge-