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worden und werden uns als solche im folgenden Unterabschnitte be-schäftigen.
Ehe ich zu ihrer Erörterung übergehe, will ich noch ein Wort über dasVerhältnis sagen, in dem die drei Volkheiten zueinander stehen.
Das Verhältnis zwischen Staatsvolk und Sprachvolk wird das der dauern-den Spannung sein: jenes wird das innerliche Streben haben, sich zu diesemzu erweitern oder es doch irgendwie in seinen Schutz zu nehmen, allen An-feindungen der anderen Staatsvölker zum Trotz, das Sprachvolk, soweit esnicht zum Staatsvolk gehört, wird von der steten Sehnsucht erfüllt sein, indieses aufzugehen.
Das Verhältnis des Staatsvolks zum Grundvolk ist das der geborenenFeindschaft: je mehr der Staat sein Bedürfnis nach Zentralisierung undBürokratisierung, nach Zusammenhang und Allgegenwart befriedigt, destomehr wird er die Ruhe und die Unbefangenheit stören, in denen allein dasGrundvolk gedeihen kann. In dem Augenblick, in dem das Ideal der staat-lichen Volksgemeinschaft verwirklicht ist, haucht das Grundvolk seinenletzten Atemzug aus.
Sprachvolk und Grundvolk stehen sich lausinnig gegenüber.
C. Was allem Volke eigen ist
Es gibt eine Reihe volkstheoretischer Probleme, die wir besser ohneBezug auf eine der drei Volkheiten behandeln, weil sie alle drei gleichmäßigangehen. Ich greife aus ihnen folgende heraus:
1. das Problem: Kollektivität und Individualität;
2. das Problem: Stamm und Masse;
3. das Problem: Menge und Einzelner.
I
Das Problem: Kollektivität und Individualität enthält dieFrage nach der Schöpferkraft des Volkes: ob diese der Gesamtheit oder demIndividuum zukommt.
Bei der hier vertretenen wissenschaftlichen Auffassung vom Volke kannunsere Antwort auf diese Frage nicht zweifelhaft sein: es ist immer undüberall die Begabung und die Kraft, die Initiative und der Entschluß dereinzelnen Individuen, denen Gutes wie Böses, Großes wie Kleines, Außer-gewöhnliches wie Alltägliches zuzuschreiben ist, das sich im Bereiche desVolkes ereignet. Jede andere Auffassung erklimmt metaphysische Höheoder steigt in mystische Tiefen hinab, wo der kühle Verstand nichts zusuchen hat. Was das bedeutet, wollen wir uns noch einmal klar zu machen