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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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versuchen an den Ausführungen eines angesehenen Gelehrten der jüngerenGeneration, der noch in letzter Zeit jenen Standpunkt der Romantik in an-mutigen Worten vertreten hat: Hans Freyer .

Er begreift das Volk alsden schöpferischen Urgrund alles gestaltetenGeistes.

Wie Sprache, Sitte und Glaube, so sind auch diejenigen geistigen Gebilde,die der flache Verstand [das zielt auf uns Anti-Romantiker!] dem Wirkeneinzelner Menschen zuzurechnen gewohnt ist, in Wahrheit dem konkretenLeben des Volkes eingebettet und ziehen ihre Lebenskraft aus den Wurzelndes Volkstums. Still wirkende Kräfte des Volksgeistes bilden das Recht,den Staat, die Kunst, nähren die Dichtung und die Musik, erzeugen die Ge-danken der Wissenschaft und die Systeme der Philosophie. Hier im Volks-geiste ist allein... der lebendige Grund, aus dem geistige Gebilde erwachsenkönnen 94 ).

Würde der Verfasser diestill wirkenden Kräfte in die lebendigen Indi-viduen verlegen, so würde ich dagegen nichts einzuwenden haben, würde so-gar ohne weiteres sie geheimnisvolle Kräfte nennen, deren Bedeutung demflachen Verstände in der Tat versagt ist. Dann würden es aber immer<Iie lebendigen Individuen sein, aus denen allein die geistigen Gebilde er-wachsen. Daß es neben ihnen und außer ihnenstill wirkende Kräftegibt, entzieht sich jeder Beweisbarkeit und muß geglaubt werden, genauwie man an die Wirksamkeit der Heinzelmännchen glauben muß, denen jenestill wirkenden Kräfte am ehesten zu vergleichen wären.

Daß die Individuen in steter Wechselwirkung untereinander stehen unddurch die Gesamtheit unausgesetzt beeinflußt werden, versteht sich vonselbst und ist von ebenso großer Bedeutung für die schöpferische Wirksam-keit des Volkes, wie die Tatsache, daß dessen bereits vollbrachten Schöp-fungen, die imVolksgeiste (in Sprache, Sitte, Recht, Staat, Kunst usw.)niedergeschlagen sind und eine geistige Realität allergrößten Umfangsbilden, daß diese Wesenheiten einen unausgesetzten Einfluß auf den ein-zelnen ausüben, daß dieser gleichsam in einer von allen Vorfahren geschaf-fenen, geistigen Atmosphäre lebt und durch sie in seiner eigenen Tätigkeitbeeinflußt wird. Aber wirken kann nur er: sei es, daß er Altes wiederholt,sei es, daß er Neues schafft. Auch dieses Neue bricht aus den Tiefen einerEinzelseele hervor: einer muß den ersten Ton des werdenden Volksliedesgesungen, einer zuerst die neue Form des Hauses erschaut, einer zuerst denGedanken einer neuen Kampftechnik ausgedacht haben. Einer geht voran:die übrigen folgen.

Dieses: daß alles Tun und Wirken immer nur vom Einzelindividuum aus-gehen kann, versteht sich also für jeden von selbst, der den Bereich des an-