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schaulichen, aber logischen Denkens nicht überschreitet. Was allein inFrage gestellt werden kann, ist folgendes: ob es bei Neuschöpfungen derhervorragende einzelne ist, der deutlich den Anfang macht — kraft seinerEminenz; oder ob es auch Fälle gibt, in denen der Anfang sich unmerklichvollzieht, so daß der Initiator nicht feststellbar, aber auch nicht feststellens-wert erscheint, weil es dem Zufall zu danken ist, daß gerade er und keinanderer den ersten Ton gesungen, den ersten Gedanken gefaßt hat. Offen-bar werden sich solche Fälle öfters ereignen und noch mehr in früher Zeitereignet haben: es sind diejenigen, in denen man von dem Schaffen derKollektivität sprechen mag, wenn es einem beliebt, nur daß man nie dabeivergessen darf, daß es sich um eine ungenaue Ausdrucksweise handelt.
Liegen die Dinge so, wie ich ausgeführt habe, so wird das Schicksal desVolks bestimmt werden durch das Mengenverhältnis, in dem sich die schöpfe-rischen Individualitäten in ihm vorfinden, durch die lebendige Wechsel-wirkung, in der die Schaffenden zueinander stehen, durch die Betätigungs-freiheit der einzelnen und selbstverständlich durch die Aufnahmefähigkeitund Lenkbarkeit der großen Menge.
II
Das Problem, das ich in den Worten Stamm und Masse zusammen-gefaßt habe, besteht in der Gegensätzlichkeit zweier Bestandteile des Volksund ihrem Anteil am Aufbau des Volkstums. Diese zwei Bestandteile sindsolche Personen, die verwurzelt sind in einer bestimmten Land-schaft und die eine besondere Mundart sprechen: sie bilden einenVolksstamm oder Volksschlag und
solche, die diese beiden Bedingungen nicht erfüllen: sie bilden dieMasse.
Stamm und Masse sind die beiden Bestandteile jedesgrößeren Volkes, deren Eigenarten wir in folgendem genauer fest-stellen wollen.
Der Stamm ist also eine Gruppe innerhalb eines Volkes, dessen Gliederdieselbe Mundart sprechen und die (der Regel nach) an einer bestimmtenStelle des Volkslandes siedelt. Die Stämme haben meist im Laufe der Zeitihr Gepräge vielfach gewechselt. So müssen wir z.B. innerhalb Deutsch-lands unterscheiden:
1. die germanischen Stämme, die Cäsar und Tacitus nennen;
2. die germanischen Stämme der Völkerwanderungszeit und
3. die heutigen Stämme.
Diese sind das Ergebnis vieler sehr verschiedenartiger Einwirkungen, unterdenen die Blutsmischung und die Verwaltungspraxis der Staaten die wich-