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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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tigsten sind. Die einzelnen deutschen Stämme unterscheiden sich nach ihrerEntstehungsweise wesentlich voneinander. Während die einen in Thüringen und Hessen schon altgermanische Völkerschaften gebildet haben, sind an-dere, wie die Bayern , Alemannen und Franken, erst in der Völkerwande-rungszeit, die Stämme im Kolonialland noch viel später, aus sehr verschie-denen Rassenelementen zusammengewachsen. Die Stammesforschung stehtnoch in ihren Anfängen 95 ).

Das Wort Masse bedeutet Verschiedenes:

1. eine Vielheit, eine Menge von Dingen, Massenhaftigkeit;

2. die zahlreichen unteren Schichten des Volks im Gegensatz zu denweniger zahlreichen oberen: die große Masse!der Massenschrittder Arbeiterbataillone;

3. eine Existenzweise bestimmter Volksgenossen, derjenigen imwesentlichen, die nicht einem Stamme angehören. In diesem Sinnewird hier das Wort gebraucht 96 ).

Alsdann gehören zur Masse die Bewohner der modernen (und wohl auchder antiken) Großstädte sowie die Industriearbeiterschaft, insoweit dieseentwurzelt und verpflanzt ist: im westfälischen Bergbau wird es noch vielStammesvolk geben, in Leuna ist alles Masse. Aber auch die einzelnen, diesich vom Mutterboden des Stammes gelöst haben, die Intellektuellen undEinzelgänger, müssen wir zur Masse rechnen.

Man hat in letzter Zeit vielfach die Frage aufgeworfen, ob bzw. in welchemUmfange oder in welchem Sinne die Großstädter noch Stammesvolksind. Besonders W. Hellpach hat sich mehrmals in sachkundiger Weisemit diesem Problem beschäftigt. Siehe z. B. die Schrift: Psychologie derGemeinschaft, 1935. Er sieht in den Städtern Stammesspielarten, bezeichnetaber sehr treffend als die Aufgabe der Großstadt die Ausgleichung verschie-dener Stammescharaktere zum bestimmenden und einenden Volkscharakter,die anähnelnde Überwindung der Verschiedenheiten, zu deutsch : die Nivel-lierung und damit die Zerstörung der Stammeseigenarten. Auch M. W ä h 1 e rin dem öfters genannten Werke sowie ebenda Herbert Freuden-thal mit Bezug auf die Hamburger äußern sich im gleichen Sinne, wollenaber doch eine gewisse Stammesart, eineStammesspielart bei bestimmtenGroßstädten beobachten, weshalb auch in dem erwähnten Sammelwerkeeinige Großstädte (Hamburg, Frankfurt a. M., Nürnberg ) behandelt werden.Ich denke, die Frage, inwieweit der Großstädter eineStammesspielart oderMasse ist, wird von Fall zu Fall zu entscheiden sein. Städte wie Wien (biszum Kriege) und Berlin tragen ein vollständig verschiedenes Gepräge. Eskommt auf den Geist an, der eine Bevölkerung beherrscht. In den Ver-einigten Staaten ist der größte Teil der Einwohner Masse, selbst auf dem