Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
202
Einzelbild herunterladen
 

202

flachen Lande, in Europa gibt es eine Menge Großstädte, die ihren stammes-ähnlichen Charakter bewahrt haben.

Den Unterschied oder richtiger den Gegensatz der beiden Volksbestand-teile hat man oft in Bildern und Vergleichen zum Ausdruck zu bringenversucht. Man nennt:

Stamm

wurzelhaft

gewachsen

bunt

gegliedert

Humus

Ruhe

naturverbunden

statisch

Masse

wurzellos

geworden

einförmig

ungegliedert

Flugsand

Betrieb

kulturverbunden

dynamisch

Man wird, denke ich, dem Wesen der beiden Gruppen und damit demWesen des ganzen Volkes am ehesten auf den Grund kommen, wenn mansich die Verschiedenartigkeit ihrer Leistungen klar macht. Da scheinensich die beiden Gruppen in der Weise untereinander ihre Aufgabe zu teilen,daß der Stamm alle Leistungen vollbringt, zu denen. irgendwelche künst-lerische Gestaltungskraft erforderlich ist, die Masse hingegen alle diejenigenAufgaben bewältigt, deren Lösung ein vorwiegend denkerisches Vermögenvoraussetzt.

Deshalb baut das Stammvolk das kunstvolle Gefüge der Existenz-grundlagen auf: in nachtwandlerischer Sicherheit bereitet es Küche undKeller je nach der Begabung zu höchsten Leistungen aufgipfelnd oderin mittelmäßigen Formen verharrend. Aber man mache sich einmal klar,welche unendliche Fülle von schöpferischem Talent dazu gehört hat, dieVolksspeisen ob Reis oder Lebertran, ob Schlesisches Himmelreich oderBouillabaisse aus dem Nichts entstehen zu lassen oder die Lebenströsterin Gestalt der berauschenden Getränke herbeizurufen: das Stammvolkpflanzt den Weinstock, brennt die Pflaume oder die Kirsche oder die Wa-cholderbeeren zum Haustrunk und braut schließlich das Bier und schafftdamit die schicksalschwangeren Unterschiede von Wein-, Schnaps- undBiervölkern. Das Stammvolk immer heißt das die Begabten, die Ge-schickten, die Klugen in ihm gestaltet die Trachten, es baut die Wohn-stätten nach seinem Bedürfnis und Geschmack und schafft die bunte Fülleder Behausungsformen vom Negerkral und Kirgisen-Gurthe bis zum wohl-häbigen niedersächsischen oder schweizerischen Bauernhaus. Auch in dieBauweise der Städte in ihrer Frühzeit, ja selbst der Kirchen und Klöster,