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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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der Burgen und Schlösser dringt der eigene Geist des Stammvolks ein: alles,was wir Stil schlechthin nennen, hat seine Wurzel im Stamm.

Alle echte Dichtung wie alle echte bildende Kunst sind stammentsprossen;selbst der Philosophie ist der Stammescharakter aufgeprägt, soweit in ihrdie künstlerische Note überwiegt.

Die Masse hingegen an Ursprünglichkeit und Gestaltungskraftärmer als der Stamm, bringt teilweise die Gegenstücke zu den Erzeugnissendes Stammes hervor, denen die Naturwüchsigkeit, der Erdgeruch, die Be-sonderheit fehlen, die allgemein und ausgeglichen, die schon all-völkisch«der gar über-völkisch (international) sind: die Allerweltsküche statt derStammesküche, den Likör statt des Schnapses, den Champagner statt dedLandweins; die Modekleidung statt der Tracht; das Straßenhaus statt desEinzelgehöfts; den Schlager statt des Liedes; den Jazz (oder sonst einenAllerweltstanz) statt der Tänze; Manier statt Kunst; Literatur statt Dich-tung usw.

Daneben steigen aus der Masse Leistungen eigener Art auf: vor allemdie Wissenschaft in allen ihren Ausgestaltungen, am liebsten in der Formder Fachwissenschaft, aus der der letzte Rest künstlerischen Geistes ver-trieben ist. Damit im engsten Zusammenhänge die Erfindungen und Ent-deckungen im Bereiche der Technik;

Im steten Sondern, Prüfen und Verbinden,

Ihr einziger Trieb ist, Neues zu erfinden.

Aber auch die staatsmännischen (politischen), die militärischen, die öko-nomischen kurz: alle organisatorischen Begabungen fehlen der Massenicht, ohne ihr notwendig ausschließlich zuzugehören.

So sehen wir Stamm und Masse sich beim Aufbau des Volks einanderin die Hände arbeiten; als gleichwertige Partner beim Ringen um dieLösung der Kulturaufgabe. Deshalb ist auch, wohin immer unsere per-sönliche Neigung sich richten mag jede Bewertung der beiden Gruppenzu vermeiden, umsomehr, als sich niemals in einer für jedermann gültigenWeise wird entscheiden lassen, ob ein guter Käse oder eine gute Verfassung,ein Schubertsches Lied oder ein geschmeidiger Achtzylinder demVolke einen größeren Segen stiftet. Eine Bewertung von Stamm und Masse,sage ich, ist zu vermeiden, auch wenn sie nur in einer Stigmatisierung durchdie Bezeichnungen Blüte und Verfall, Jugend und Alter besteht. Richtigist, daß zeitlich die Stammeskultur der Massenkultur vorauszugehen pflegt.Ursprünglich ist im Volke alles Stamm, dann wächst allmählich (in denKulturvölkern) die Masse heran, wird größer und größer, bis eines schönenTages das Volk nur noch aus Masse besteht, wie etwa heutzutage schondas Volk der Vereinigten Staaten, während die europäischen Völker noch