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in Rom 1526 (1527) Volkszählungen begegnen. In Frankreich ließ Cöl-be r t seit 1670 die Bevölkerungsbewegung von Paris regelmäßig ermittelnund veröffentlichen; 1683 ordnete Kurfürst Friedrich Wilhelm von Branden-burg die Führung von „Populationslisten“ an.
Im 16. Jahrhundert beginnt auch die regelmäßige Führung der Kirchen-bücher (1501 Augsburg, 1517 London), für die man sich seit der Refor-mation namentlich in konfessionell gemischten Gebieten lebhaft inter-essierte und die vielfach bis ins 19. Jahrhundert hinein die Stelle der Volks-zählungen vertraten. Diese sind zu einer festen Staatseinrichtung zuerstvon dem neuen Gemeinwesen der Vereinigten Staaten von Amerika ge-macht worden, da deren Verfassung vorschrieb, daß alle zehn Jahre ein all-gemeiner Zensus veranstaltet werde. Tatsächlich besteht der amerika-nische Zensus seit 1790 in regelmäßigen Abständen von zehn Jahren. Damitwar der entscheidende Schritt zur Erlangung zuverlässigen bevölkerungs-statistischen Materials getan, den alle europäischen Nationen im 19. Jahr-hundert den Vereinigten Staaten nachtaten.
Man ahnt nicht, wie ungenau noch am Ende des 18. Jahrhunderts, ehe diemoderne amtliche Statistik ausgebaut wurde, selbst in dem fortgeschrittensteneuropäischen Lande der damaligen Zeit, Frankreich, die Kenntnis vom Bevöl-kerungsstande und der Bevölkerungsbewegung war, wie man damals noch inweitem Umfange auf Schlüsse und Errechnungen angewiesen war und wie un-genau und verschieden infolgedessen die Schätzungen der Bevölkerungsmengenausfielen. So mußte man die Größe der Bevölkerung eines Landes mangels einerumfassenden Zählung errechnen aus der Zahl der Häuser, der Familien,der Quote der Kopfsteuer, aus der Zahl der Geburten (auf die man aus der Zahlder Taufen annähernd sichere Schlüsse machen konnte), aus der Zahl der Ehe-schließungen, der Sterbefälle usw. Und das Ergebnis: „moins on a de connais-sances, plus on est hardi dans ses assertions“, wie einer der besten Bevölke-rungsstatistiker jener Zeit, M o h e a u, urteilt in seinem ausgezeichneten BucheRecherches et considerations sur la population de la France (1778) pag. 61; in derNeuausgabe von G o n n a r d (1912) pag. 36.
Eine wilde Phantasie ließ vor allem die Bevölkerungsziffern derVergangenheit ins Unermeßliche anschwellen. So berechnete der BischofR. Cumberland in seiner Schrift Origines gentium antiquissimae etc. (1724)die Zahl der Menschen, „die 340 Jahre nach der Sintflut“ lebten auf 3 % Milli-arden. Montesquieu nahm die Bevölkerung der alten Welt auf ein Viel-faches der heutigen, die Bevölkerung Griechenlands insbesondere zur Zeit seinerBlüte im Altertum auf das Hundertfache (!) der griechischen Bevölkerung zuseiner Zeit an. Siehe Lettres Persanes No. 112; Vgl. Esprit des Lois. Livre XXIIIch. 17—19. Gegen die kritiklose Überschätzung der Bevölkerungsmenge imAltertum hatte sich übrigens mit guten Gründen gewandt schon D. H u m e inseinem klassischen Aufsatz On the populousness of ancient nations (Essays,Vol.III. 1752).
Aber manchmal glückte die Schätzung auch merkwürdig gut. Bekannt ist dieder chinesischen Bevölkerung, die Lord Macartney bei seiner Gesellschafts-