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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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reich mit seinen Stämmen, ja selbst unser liebes Deutschland mitseinen verschiedenen Völkerschaften, die noch heute ihre Ver-schiedenheit zeigen, wie sie vor achtzehnhundert Jahren gezeichnetward. 111 )

So wie hier eine Gruppierung der Völker in den Himmelsrichtun-gen Nord-Süd vorgenommen wird, so gibt es zahlreiche Unterschei-dungen, die eine östliche und eine westliche Völkergruppe, kürzerden Osten und den Westen, Orient und Okzident, gegenüberstellen.

6. Extatisch -kontemplative Völker gegen Völker des Welt-lebens und der Arbeit ist der erste Gegensatz, den man hiergebildet hat und den man auch bezeichnet als den Gegensatz derpassivistischen und der aktivistischen Völker, der freilich in rechtstörender Weise durch den Gegensatz der Transzendenz und derDiesseitigkeit gekreuzt wird. Ostasiaten und Inder und Araber sindsicher mit sehr verschiedenem Geiste erfüllt. Und seitdem die Japanersich auf ihre alte Samurai-Tradition zurückbesonnen haben, stimmtes auch mit der Passivität der östlichen Völker nicht mehr, zumalselbst die Chinesen sich aktivisieren zu wollen scheinen.

7. Nach einem andern Merkmal hat man ebenfalls Okzident und Orient(wobei man wohl in erster Linie an dennahen Orient gedacht hat)gegeneinander überstellen wollen, indem man den westlichen Men-schen einheitlich, den orientalischen Menschen vielheitlichdenken und sich zur Welt verhalten ließ. 112 )

8. Eine sehr in den Vordergrund getretene Unterscheidung, die manjetzt auch nach geographischen Gesichtspunkten trifft, ist diezwischen Kultur- und Natur-, zivilisierten und primi-tiven Völkern. Ich sage: jetzt. Während nach der älteren Auf-fassung es sich bei diesem Unterschiede um zeitliche Aufeinander-folge, um Etappen auf dem Wege der Menschheit handelt.

So betrachteten noch Tylor, Lubbock , Frazer, Wundt,Bastian und alle älteren Ethnologen die primitive Geistigheit alseine unentwickelte Vollintelligenz; sie stellten einweniger fest,ein noch nicht in bezug auf Vorstellungenvom Inhalt, Wesen undErleben von Ereignissen wie Dingen.

Wie steht es in Wirklichkeit?

Wenn wir von der aus der Aufklärungszeit überkommenen Auf-fassung, wonach das magische Denken als eine niedrigere, das ratio-nale als eine hörere Form des geistigen Verhaltens galt, absehen, sowerden wir die Annahme, daß die magische Denkweise in die ratio-nale übergehen kann (und umgekehrt), für wahrscheinlicher halten