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von Naturwundern sprechen könnte. Diesen Sinn hat das Wort in den Wen-dungen: die Wunderwelt der Sterne, die Wunder der Tiefsee, die Wunderdes Wassertropfens. Wir wollen damit unsere Ehrfurcht und unsere Distanzgegenüber den Werken der „Natur“ zum Ausdruck bringen, die uns er-scheinen als ewige Geheimnisse, als etwas, das unsern Verstand und unserKönnen grenzenlos übergipfelt, als Ausstrahlung göttlichen Wesens, dem-gegenüber wir immerdar in einem Gefühle der Weihe und der Andacht ver-harren möchten.
Ein dritter Sinn, den wir dem Worte Wunder verleihen können, ist derreligiöse, mit dem wir es aber hier nicht zu tun haben.
Ein anderes Teilproblem, das in dem Gesamtproblem des Werdens derWelt und des Menschen enthalten ist, läßt sich in der Antithese ausdrücken:
2. Schöpfung oder Entstehung.
Wir können Schöpfung die Erschaffung (ins Dasein-Rufung) aus demNichts nennen und ihr die Entstehung als Veränderung von etwas schon Be-^ stehendem gegenüberstellen. Diese Entstehung nennen wir im Bereiche des
Anorganischen Verwandlung, im Bereiche des Organischen Entwicklungoder Zeugung. Schöpfung geht denknotwendig auf eine außerhalb des^ Erschaffenen waltende Macht zurück; die Entstehung läßt sich auf Natur-
kräfte zurückftihren, die als vorhanden und wirksam bereits festgestelltsind. (Schöpfung ist immer außernatürlichen oder übernatürlichen Ur-sprungs, da für die Natur als Denkgesetz gilt, daß aus Nichts — nichts wer-' den kann.) Überall also wo ein wesentlich Neues in der Welt auftritt,
müssen wir Schöpfung annehmen, da dieses grundsätzlich Andere nicht ausdem Vorhandenen „entstanden“ sein kann. Das gilt für den Anfang derDinge, das gilt ebenso für den Anfang des Lebens. Um diesen auf der Erdezu erklären und doch den außerweltlichen Schöpfer auszuschalten, hat man\ zu allerhand abenteuerlichen Deutungsversuchen gegriffen, unter denen die
„Urzeugung“, auch Archigonie, generatio spontanea oder aequivoca genanntdie zäheste ist: die Annahme, daß in toter, anorganischer Materie ohne einen£ Schöpfungsakt — also dank den in der toten Materie selbst vorhandenen
Stoffen und wirksamen Kräften Leben entsteht. Das aber widerspricht denoben aufgestellten Sätzen, weshalb Kant die Überzeugung mit Recht „un-gereimt“ und „vernunftwidrig“ nannte.
Zu unrecht ist die Frage: ob die Arten konstant sind oder sich aus eineroder wenigen Urformen „entwickelt“ haben, mit dem Gegensatz von Schöp-fung und Entstehung vereinerleit worden. So stellte H ä c k e 1 einmal 122 )das Problem wie folgt: „Entweder haben sich die Organismen entwickelt,f und dann müssen sie alle von einfachsten, gemeinsamen Stammformen ab-
stammen; oder das ist nicht der Fall, die einzelnen Arten der Organismen.