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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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dem einzigen Israel durch die Schöpferkraft des Gottes, der als reinerGeist im Gegensatz zur Natur steht, der der Welt mit seinem gebieterischenSchöpferwillen entgegentritt.

In vielen dieser Schöpfungsmythen mischen sich Gedanken hinein, diedem Mythos vom Urmenschen (Anthropos) entstammen: vielleicht dertiefsten und schönsten aller Anthropogonien. Sie wird beherrscht von derVorstellung von einem uranfänglichen göttlichen Lichtwesen, das durcheine ebenfalls uranfängliche Finsternismacht vernichtet würd, dessen Unter-gang aber die Entstehung der Welt und in Sonderheit des in ihm seinen Urahnerblickenden Menschengeschlechts zur Folge hat. Auf diesem Mythos ruhtvor allem der Magdaismus, ruht die Parusa-Spekulation Indiens, währender im Manichaismus seine geschlossenste Ausbildung erfährt 123 ).

Aber den Völkern, wenigstens den unseligen Völkern Westeuropas , ergehtes mit ihren Mythen wie den Kindern mit ihren Märchen: eines Tages wirdder Glaube an sie durch Zweifel erschüttert. Das Kind hält seine Puppenicht mehr für die Prinzessin selbst. Vielleicht, daß es in ihr noch einewürdige Darstellerin der hohen Herrin erblickt: Das nennt man in derVölkergeschichte die Periode der Allegorisierung und Symbolisierung derMythen. Aber die Zweifelsucht und der Wissensdrang des Kindes gehenweiter: es will erfahren, was die Puppewirklich ist und zerschneidet dasLeder, mit dem ihr Leib umspannt war, und das Seegras und die Holzwollefallen heraus. Wenn die Völker in gleicher Weise mit ihren Mythen ver-fahren, sagen wir: sie sind in ihr wissenschaftliches Zeitalter eingetreten.

So haben wir auch die Schöpfungsmythen und Sagen allmählich ihresZaubers entkleidet; zunächst dadurch, daß wir allerhand gelegentliche Be-denken ihrem Wahrheitsgehalt gegenüber geltend machten, etwa fragten:wie denn in der Arche für soviel Tiere Futter aufgespeichert werden konnteoder wie es möglich war, daß Tiere so verschiedener Zonen an derselbenStelle der Erde ihr Dasein fristen konnten u. ä. Das Problem der Arche NoahIst ein vortreffliches Schulbeispiel, um zu zeigen, wie der Alltagsverstand andem Genesis-Bericht herumknabberte und seinen Sinngehalt schließlichvöllig zerstörte 124 ).

Gleichzeitig mit diesen Gelegenheitsbedenken entstehen dann selbstän-dige, aufwissenschaftlichem Denken aufgebaute Theorien der Schöpfung,die vielfach mit dem seit dem 17. Jahrhundert aufkommenden philosophi-schen Systemen in engem Zusammenhänge stehen.

Ich denke an Descartes, der mit seiner Unterscheidung einer Creatioprima und secunda für die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise deralten Mythologie ein sehr beträchtliches Stück abgewann; ich denke vorallem an L e i b n i z, in dessen Lex continui man versucht ist, dieUr-