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der Lehre ist eine unerhörte. Nicht nur bekennen sich sofort eine großeAnzahl namhafter Gelehrter zu ihr. Auch — und gerade — in weiterenKreisen wird sie mit Begeisterung aufgenommen. In diesen ersten Jahr-zehnten ihrer Verkündung wird die Welt geradezu von einem Taumel er-griffen. Wir Alten haben diese Gewalt der neuen Heilsbotschaft selber nocherlebt, wir haben selber noch mit heißem Kopfe und glühendem Herzen die„Natürliche Schöpfungsgeschichte 14 verschlungen und der neuen Lehrezugejubelt.
War eine solche durchschlagende Wirkung einer neuen Lehre — wennwir von den religiösen Bewegungen absehen — je erhört? Haben dieLehren des Kopernikus oder Newton, die doch viel tiefer umstür-zende Erkenntnisse enthielten, ähnlich wie der Darwinismus auf Jahrzehntehinaus ganze Völker geistig entflammt? Ich glaube nicht.
Sucht man für die Wirkung des Darwinismus in der neueren Zeit nacheinem Gegenstück, so können als solches höchstens die VerkündigungenRousseaus angesehen werden.
Was war es denn nun, das so mächtig in die Köpfe und noch mehr in dieHerzen griff?
Vergegenwärtigen wir uns den Sinngehalt des Darwinismus, so findensich folgende Hauptlehren in ihm vereinigt:
1. Der Naturalismus, im Gegensatz zum Spiritualismus oderDualismus, das ist die Ansicht, daß die Welt und Natur, die Naturals Stoff und Materie gefaßt, eins seien. „Natürliche Vorgänge“ sindstoffliche Vorgänge, Seele und Geist sind Funktionen der Materie.Deshalb auch Materialismus. Dagegen nicht Monismus, wie sich derHäckelismus mit Vorliebe nennt, da Monismus sowohl spiritua-listisch wie materialistisch gedacht werden kann: auch Hegels System ist Monismus. Dann schon eher „Hylozoismus“, als dieLehre von der Beseeltheit oder Belebung der Materie, wie esH ä c k e 1 selbst einmal ausgedrückt hat: „Lust und Unlust, Be-gierde und Abneigung, Anziehung und Abstoßung müssen allenMassenatomen gemeinsam sein.“
Aus diesem Naturalismus folgt die Einordnung des Menschen inden übrigen Naturzusammenhang: es gibt kein besonderes Men-schenreich — der Mensch gehört dem Tierreich an.
2. Der Transformismus — im Gegensatz zum Kreatismus. Da-nach befindet sich die Natur dank der ihr innewohnenden Kräftein einem Zustande unausgesetzter Veränderung; sowohl die tote alsdie organische Natur verwandeln sich fortwährend in kleinsten Ab-ständen. Der Kampf ums Dasein mittels der Auslese des „An-