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Aber die meisten Bevölkerungstheoretiker des 19. Jahrhunderts denkendoch in den Kategorien von Robert Malthus und weisen irgendwelcheBeziehungen zu seinem System auf.
Da sind zunächst diejenigen, die dieses als Ganzes gelten lassen und nurbemüht sind, wie ich schon sagte, ihm sein naturgesetzliches Gepräge nochdeutlicher aufzudrücken, indem sie es allgemeiner und abstrakter fassenund seinen Inhalt dadurch mathematisierbar machen. Ich denke dabei vor-nehmlich an die Bemühungen Quötelets, dem, wie er selber bekennt, indem Malthus ' sehen System noch die Mittel zu fehlen schienen, „dieTheorie der Bevölkerung in das Gebiet der mathematischen Wissenschaftzu ziehen, wohin sie eigentlich zu gehören scheine.“
Um diesen Mangel zu beheben, gab Quetelet den Malthus 'sehenLehren folgende Fassung: „Die Bevölkerung strebt in einer geometrischenProgression zuzunehmen. Der Widerstand oder die Summe der Hemmnisseihrer Entwicklung verhält sich unter übrigens gleichen Umständen wie dasQuadrat der Schnelligkeit, mit welcher die Bevölkerung zu wachsen strebt.“Er nennt diesen Unsinn ein „physikalisches Gesetz“ und erblickt in ihm „einneues Beispiel der Analogien, welche man in vielen Fällen zwischen denGesetzen, nach welchen die Erscheinungen der Körperwelt erfolgen unddenjenigen, welche den Menschen betreffen, findet.“ 138 )
Den meisten Bevölkerungstheoretikern jener Zeit genügte das Maß vonAbstraktion, das die Malthus 'sehen Lehren aufweisen, und was sie andiesen auszusetzen hatten, waren Irrtümer im einzelnen. Diese Irrtümererblickten die Einen in der Malthus ’schen Vermehrungstheorie und ein wich-tiger Strom der Bevölkerungstheorien entsprang aus dem Bestreben, dieGesetze der menschlichen Fortpflanzung anders zu fassen.
Die bekannteste und wohl zahlreichste Gruppe von Bevölkerungstheo-rien, die hier eigene Ansichten vertraten, geht, soviel ich sehe, auf MichaelThomas Sadler zurück , dessen Werk: „The Law of Population, a trea-tise in six boolcs in Disproof of the Superfecundity of Human Beings andDeveloping the Real Principle of their increase” in zwei Bänden im Jahre1830 in London erschienen.
Sadler ist der Begründer der sog. Wohlhabenheitstheorie,der gemäß mit steigender Dichtigkeit der Bevölkerung infolge gehobenerLebensführung, aber auch stärkerer Inanspruchnahme des Gehirn- undNervensystems die natürliche Fruchtbarkeit der Menschen immer schwächerwird, so daß die Bevölkerung nicht mehr zu-, sondern immer mehr abnimmt.
Der Beweis dieser Behauptung wird zum großen Teil mit Analogien ausdem Pflanzen- und Tierreich geführt.