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?und an allen Orten gleichmäßig, und zwar so stark, daß sehr bald ein Miß-verhältnis zwischen Bevölkerung und Nahrungsmittelmenge eintritt, wenn■die Menschen nicht Vorkehrungen treffen, diese Naturkraft zu zähmen. AlleMittel, die hierfür angewandt werden, entspringen dem Druck ökonomischerErwägungen, sind also auch gleichsam naturgesetzlich bedingt. In diesem■Glauben an die Zwangsläufigkeit der ökonomischen Motivation liegt dergrößte Irrtum des Malthusianismus. Dadurch werden alle seine Versuche,bestimmte Bevölkerungserscheinungen wirklich aus freier Willensregung zu•erklären, vereitelt, weil er ja in jeder subjektiven oder objektiven Tatsache,■die die Bevölkerungsbewegung hemmt, den Ausfluß ökonomischer Inter-essen sieht, die den Menschen bestimmen, wie die Anziehungskraft der Erde•den Stein. Diese ökonomische Auffassung bringt also Naturgesetzlichkeitauf Umwegen wieder in den Kreis der Geschehnisse hinein.
Die Anti-Malthusianer lehrten, daß die Naturkraft der Zeugung mit derZeit geringer würde, so daß die Menschen bewußt gar keine Gegenmaßregelnmehr zu ergreifen brauchten: die Fortpflanzung erschien ihnen also erstrecht als ein völlig von der Mitwirkung der Menschen unabhängiger Natur-vorgang.
In Wirklichkeit ist die Fortpflanzung der Menschenfcein Naturprozeß, sondern e i n e W i 11 e n s b e t ä t i gu n g derMenschen, die an bestimmte Naturbedingungen gebun-den i s t.
Die Vorgänge der Geburt und des Todes sind also ein Gemisch von Frei-heit und Zwangsläufigkeit, von Geist und Natur, wie es fast jede zur Aus-führung gelangende Willensbetätigung des Menschen darbietet. Und diesebeiden Bestandteile im Fortpflanzungshergange der Menschen klar undscharf voneinander zu scheiden, bildet die erste, wichtige Aufgabe jederBevölkerungstheorie.
Wie diese Zwiespältigkeit zu verstehen und die Trennung der beidenWelten in Gedanken vorzunehmen ist, möge folgende Erwägung zeigen:
Die Geburtenrate der Bevölkerung wird bestimmt, wie wir wissen, durchdie Zahl der geschlossenen Ehen und Liebesbünde und deren Fruchtbarkeit(fertilitas), das heißt, die Zahl der Lebendgeburten in diesen Verbänden.
Diese Fruchtbarkeit ist die Funktion zweier Variabein: Erstens derZahl der ausgeführten und in ihrer Wirkung nicht behinderten Begattungs-akte = Zahl der gewollten (oder gestatteten) Zeugungen. Diese Zahl hängt— innerhalb der Grenzen der natürlichen Potenz — ausschließlich vomfreien Willen — voluntas — ab. Daß jede Annahme einer naturgesetzlichenGebundenheit des freien Willens abwegig ist, habe ich ausführlich nachzu-weisen versucht: siehe Seite 11 ff.
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