Alle Anreize, die die Natur gewährt, ebenso wie alle Beeinflussung durchden Willen anderer, in subjektiver oder objektiver Gestalt (Sitten, Normen,Gesetze) schließen die Freiheit des menschlichen Willens nicht aus. Wennman also — beispielmäßig — den Einfluß des Alters der Ehegatten, derKlimate, der Jahreszeiten oder irgendwelcher Naturtatsachen, oder den Ein-fluß der Religion oder des Staates oder der Sitten auf die Geburtenhäufig-keit feststellen will, so darf man niemals in Zweifel ziehen, daß die Tat-sache des Vollzuges jedes Geschlechtsaktes dem freien Willen des Paares(in seltenen Fällen nur des Mannes) allein geschuldet ist.
Die andere Variable, deren Funktion die Zahl der Lebendgeburten ist,setzt sich aus folgenden Ziffern zusammen:
1. der Zahl der wirksamen, absichtlich oder unabsichtlich auf Zeugungeingestellten Geschlechtsakte;
2. der Zahl der wirksamen, bewußt in der Absicht der Empfängnis-verhütung getätigten Geschlechtsakte;
3. die Zahl der gewollten und nicht gewollten Fehl- und Frühgeburten.
Von allen diesen Ziffern wird nur eine — die des freiwillig herbeigeführten
Aborts — von der Voluntas bestimmt: die übrigen beziehen sich auf vomWillen der Menschen unabhängige Naturvorgänge: sie werden bestimmtdurch die fecunditas, auf die der Mensch nur einen mittelbaren (fördernden,pfleglichen, belebenden) Einfluß hat.
Jede Lebendgeburt ist also verdankt dem Zusammenwirken freier Willens-akte und zwangsläufiger Naturvorgänge.
Ebenso wird die Zahl der Todesfälle bestimmt durch Willensakte (die imFalle des Todes meist in der Vergangenheit liegen und als „Kulturtatsachen“wirken) einerseits — Selbstmorde, Kinder- und Greisenaussetzung, Ein-fluß der Berufstätigkeit, der Wohnweise (Stadt, Land), der Kriege, desStandes der medizinischen und hygienischen Kenntnisse —; durch Natur-tatsachen — natürliche Lebenskraft, Unterschied zwischen Knaben undMädchen — andererseits.
Angesichts dieser Tatsache, die uns die Erfahrung lehrt, erscheint esvöllig abwegig, wenn man das menschliche Bevölkerungsproblem mit natur-gesetzlichen Methoden, das heißt wie ein Problem der Fortpflanzung in derPflanzen- oder Tierwelt, behandeln will, also Ausschau hält nach irgend-welchen „Naturgesetzen“, deren Walten der Mensch in diesem wichtigstenTeile seines Daseins ausgeliefert sein soll.
Wo der freie Wille herrscht, können keine Naturgesetze herrschen, dassollte man nun mit der Zeit einsehen. Was uns vielmehr als geistwissen-schaftliche Theoretiker auch in diesem Falle allein zu tun obliegt, oder rieh-