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Tod handelt, die für eine Gesamtbevölkerung gleichmäßig gelten.Das war nun aber eigentlich eine Fiktion: in Wirklichkeit ist die Lage derverschiedenen sozialen Schichten so eigenartig, daß für jede dieserSchichten eigene Regeln gelten. Wie groß der Einfluß der gesellschaftlichenStruktur auf Leben und Sterben ist, will ich noch an einigen Beispielen veran-schaulichen, indem ich gerade für dieses Problem auf die gründlichen Unter-suchungen der Amerikaner Frank Lorimer und Frederick Osbornverweise, die die Verschiedenheit der Bevölkerungsverhältnisse, namentlich auchder Geburtenziffern, für die verschiedenen sozialen Schichten der VereinigtenStaaten ziffernmäßig nachgewiesen haben. Die besondere Lage der Gruppe, aufdie man achten muß, hat ihren Grund in der Rasse, in der Wohnweise (Stadt —Land), im Berufe, im Wohlstände, im gesamten politisch-sozialen Charakter derGruppe, der sich nicht durch eines der vorhin genannten Merkmale kennzeichnenläßt. Ich denke etwa an die Kontrasterscheinungen des Adels und des modernenIndustrieproletariats: jener, ob es sich um das römische Patriziat, ob um denenglischen, französichen oder schwedischen Adel der Neuzeit handelt, stirbt aus,obwohl er doch genug „food“ hatte, dieses, obwohl es ihm am nötigsten fehlte,vermehrte sich rasch (bis es auch genug bekam). (Nebenbei bemerkt: ein hüb-sches Spezimen für die M a 11 h u s ’ sehe Bevölkerungstheorie!)
Einfluß der Wohnweise : auf 10000 Einwohner des Deutschen Reicheskamen im Jahre 1935 189 Geborene, dagegen in den Großstädten über 100 000 Ein-wohner nur 154; aber in fünf dieser Großstädte betrug die Geburtsrate über20 vom Tausend, in vier dagegen unter 13 vom Tausend.
Einfluß des Wohlhabenheitsgrades auf die Sterblichkeit:
Reiche
Arme
25—30 Jahre
0,00
2,22
30—35
11
0,85
1,43
35—40
11
1,20
1,85
40—45
0,85
1,87
45—50
1,59
2,39
Nach Benoiston de Chateau neuf im Moniteur 11. VI. 1829 Quötelet, DerMensch 216. (Zeitpunkt und Ort sind natürlich völlig gleichgültig für das, washier zu beweisen ist.)
Einfluß der Berufstätigkeit auf die Sterblichkeit: (einstmals) Berufemit einer mittleren Lebensdauer über 55 Jahre:
Richterliche Beamte
69
Kapitalisten
65,8
Protestantische Geistliche
63,8
unter 55 Jahre:
Emailleure
48,7
Schlosser
47,2
Lackierer
44,3
Bei Q u ö t e 1 e t, a. a. O. S. 223 ff.
Wichtig ist auch die Berufstätigkeit der Frau: ob sie schwere, ob leichte, obgesunde oder schädliche, ob außerhäusliche, ob häusliche Arbeit verrichtet.
Sombari : Vom Menschen
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