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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Moheauhat ausführliche statistische Untersuchungen angestellt, um nachzu-weisen, daß ein kälteres Klima die Leidenschaften beruhigt, ein wärmeres sieanstachelt. Das wird ja wohl stimmen. Nach den Berechnungen M o h e a u sentsprachen 48 Ehen: in Frankreich 232 Geburten, in einer Breite von 52 bis 53°nur 195, in einer solchen von 56° gar nur 160. Frankreich hatte damals einen Ge-burtendurchschnitt von 48/ 9 Kindern, Preußen und Pommern von 4 1 /2, Dänemark, Norwegen, Rußland von 3V5- Vgl. aus der älteren Literatur zum Thema desKlimaeinflusses auf die Geburtenfrequenz noch (T. J. P i c h o n) La Physique del'Histoire etc. 1765; nam. Ch. XIV.

Für die Wirkung eines heißen Klimas auf die Sexualität eines Europäers siehedie hübsche Skizze von Maupassant: Marroca.

Wenn man so diese Angaben überblickt, die uns Aufschluß geben überdie Ursachen von Leben und Tod, so ist man fast versucht, nun selbst eineallgemeine Bevölkerungstheorieauf-, das heißt der herrschenden des M a 11 h u s entgegenzustellen, die etwaso lauten würde:

Die Neigung der Menschen, viele Kinder in die Welt zu setzen, ist vonHause aus sehr gering. Voraussichtlich würde das Menschengeschlecht baldaussterben, wenn es nach dem Willen der Eltern ginge.

Um das zu verhüten, müssen sehr starke Mächte in Bewegung gesetztwerden, die die urwüchsige Abneigung der Menschen gegen Kinderreichtumzu überwinden vermögen. Solche Mächte sind der Staat, vor allem aber dieKirche (Religion). Es ist gewiß kein Zufall, daß fast alle großen Religions-gemeinschaften ihren Angehörigen die Kindererzeugung zur heiligen Pflichtmachen. Immer, wenn der Einfluß der Kirche geringer wird oder die herr-schende Religionsgemeinschaft vorübergehend die Abstinenz predigt, wie dasfrühe Christentum, versucht der Staat an ihre Stelle zu treten, meist ohnesie ersetzen zu können.

Die unerhörte Bevölkerungsvermehrung der letzten Jahrhunderte ista-typisch, weil sie mit der Geburtenfrequenz überhaupt nichts zu tun hat,sondern das ausschließliche Werk der vervollkommneten Medizin undHygiene ist, die eine Verringerung der Todesfälle bewirkt haben.

Aber wir wollen nicht in den Fehler unserer Gegner verfallen, die die bunteFülle der Wirklichkeit mit dem grauen Tuche eines allgemeinen Bevölke-rungsgesetzes zudecken möchten.

Wir wollen uns dieser Fülle und Mannigfaltigkeit vielmehr freuen.

Einundzwanzigstes Kapitel;

Die Unterjochung der Natur durch den Menschen

In diesem Kapitel will ich von den Siegen berichten, die die Menschheitim Kampfe mit der sie umgebenden Natur davongetragen hat, obwohl wir

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