Heute ist die Kultur in den westeuropäischen und nordamerikanischenLändern und z. T. in Japan gekennzeichnet durch das Leben in der Groß-stadt, die ihre eigenen Daseinsbedingungen, ja sogar ihr eigenes Klima hat,von dem noch die Rede sein wird. Der moderne Mensch ist der Groß-stadtmensch, dessen Dasein, von allen Banden der Landschaft und derNachbarschaft gelöst, wieder ein nomadisches Gepräge annimmt und dersich als Kamel der Wüste, in der er lebt, des Automobils oder Motorradesbedient.
Indem ich den beflissenen Leser, der sich über dieses wichtigste Ereignisder modernen Kultur: die Großstadtbildung unterrichten will, auf meineausführlichen Darstellungen an anderen Orten verweise 161 ), will ich hier nurnoch einige wenige Angaben über den tatsächlichen Umfang der Städte-bildung namentlich der neueren Zeit machen.
Über die Zahl und Größe der alten außereuropäischen Städte, aber selbstüber die der europäischen Städte des klassischen Altertums, sind wir nurunvollkommen unterrichtet. Man weiß jetzt nur so viel, daß die Städtealle viel kleiner waren als man früher annahm. Die Zeit der kritischen Be-trachtung der Bevölkerungsverhältnisse früherer Jahrhunderte setzt mitD. H u m e ein. Das 19. Jahrhundert hat dann eine Ziffer nach der andernihrer phantastischen Größe entkleidet. Die größte Stadt des Altertumswird wohl Rom gewesen sein, dessen Einwohnerzahl ein Gibbon noch auf3 bis 4 Millionen schätzte, während man jetzt annimmt, daß es in der Zeitseiner Blüte nicht mehr als 1 Million, höchstens 1 % Million Einwohnergehabt hat 162 ). Der ziffernmäßige Anteil der städtischen Bevölkerung ander Gesamtbevölkerung hat sicher, von den Stadtstaaten wie Athen oderKorinth abgesehen, in aller früheren Zeit nicht mehr als 10 bis höchstens20 vH. betragen.
Dasselbe Verhältnis werden wir auch für das westeuropäische Hochmittel-alter annehmen dürfen. Die Untersuchungen der letzten Jahrzehnte habenuns auch richtigere Vorstellungen von der Größe der Städte des europäi-schen Mittelalters selbst verschafft. Wir wissen jetzt, daß es sich durch-gehends um Klein- oder Mittelstädte geringen Umfanges, verglichen mit denmodernen Großstädten, gehandelt hat. Eine Großstadt im heutigen Sinnewar im Mittelalter wohl nur Paris, von dem wir annehmen dürfen, daß esschon im 13. Jahrhundert ein oder gar mehrere Hunderttausend Einwohnerzählte. Dagegen gab es noch im 15. Jahrhundert in Deutschland keineStadt mit mehr als 25 000 bis 30 000 Einwohnern: Nürnberg hatte (1449)20 000 bis 25 000, Straßburg (1473—1477) 20 000 bis 30 000, Lübeck ( 14. Jahr-hundert) 24 000, Hamburg (1419) 22 000, Ulm (1427) 20 000, Augsburg — die Stadt der Fuggerl — gar nur 18 300 (1475).