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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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lebendigem Gut hat zu allen möglichen Zwecken: nicht nur um seinenHunger und Durst zu stillen wie Tier und Pflanze. Er braucht ganze Tier-und Pflanzengattungen, um sich zu kleiden; er braucht ganze Wälder, umseine Zeitung herstellen zu können. Wo er die Tötung in ein System gebrachthat, wird sie so gehandhabt, daß immer gerade so viel Leben neu entsteht,wie vernichtet wird. Aber der Mensch hat sich nicht immer an diese RegelnderErsatzwirtschaft gehalten, sondern hat häufig, wie wir sahen,Raub-bau getrieben, und so ist es gekommen, daß die Reihen mancher Lebe-wesen Pflanzen (Bäume) oder Tiere sich mehr und mehr lichten, jeweiter der Mensch fortschreitet.

Daß dieser auch die Methoden, seine Mitmenschen in Massen zu töten,immer vollkommener ausgebildet hat, lehrt die Geschichte der Waffen-technik.

Die zweite Art seines Sieges über das Leben besteht darin, daß der Menschimmer neue Mittel ausfindig macht, um gerade umgekehrt das Lebenzu erhalten und zu fördern, wobei ich zunächst und vor alleman das Leben der Menschen selbst denke. Dieses zu erhalten und zu fördern,dient hauptsächlich die Ausweitung seiner medizinischen und hygienischenKenntnisse. Daß diese es vor allem gewesen sind, denen die unerhörte Be-völkerungszunahme während des 19. Jahrhunderts zu danken ist, haben wirbereits feststellen können. Ob es den eugenistischen Bestrebungen unsererZeit gelingen wird, eine neue Epoche in den Siegen des Menschen über dasLeben einzuleiten und den Menschenbestand auch artmäßig zu beeinflussen,das heißt gesünder und schöner zu machen, läßt sich einstweilen mit einigerSicherheit noch nicht feststellen. Zu wünschen wäre es sicher.

Aber nicht minder bedeutsam und von nicht weniger weittragendenFolgen begleitet ist die dritte Form, in der sich der Sieg des Menschen überdas Leben äußert. Sie besteht in der fortschreitenden Ersetzung desLebens durch Geistgebilde aller Art, die recht eigentlich den Passionswegder Menschheit mit Marksteinen versehen.

Wir können drei Hauptrichtungen unterscheiden, in denen sich dieserVorgang abspielt.

Die erste Form, in der eine Ersetzung des Lebens eintritt, ist die all-gemeine Vergeistung der leib-seelischen Vorgänge,worunter ich verstehe deren Einordnung, also vor allem die Einordnungder Willensentschlüsse und Handlungen der Menschen in irgendwelchesSystem von Vorschriften, Regeln, Normen, Bestimmungen: ein Vorgang,der sich in allen Bereichen des menschlichen Daseins immer abgespielt hat,heute mit besonderer Schärfe abspielt: im Alltagsleben (kollektive Beschaf-fung von Wasser, Licht, Strom); in den Verkehrsakten (Reisebüros); in den