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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Handelsvornahmen (Termingeschäft); in der Gütererzeugung (Großbetriebmit Normung und Typung); im Staate (Bürokratie, Zentralisierung); imgesellschaftlichen Leben (Organisation); im geistigen Leben (Methode); inder Kunst (Richtungen); in der Religion (Kirchenlehre): kurz überall, wodie menschliche Seele sich betätigen möchte.

Die zweite Form, die die Ersetzung des Lebens annehmen kann, ist dieVersachlichung, besser noch: Verdinglichung dieser Systemein Instrumenten irgendwelcher Art; das ist der Vorgang, den manmit Apparatisierung, Mechanisierung, Automatisierung, Taxametrisierung,Motorisierung, Maschinisierung oder sonst einem gräulichen Worte be-zeichnet und der genauer betrachtet seinem Wesen nach darinbesteht, daß ein Sachding jetzt dasjenige tut, was früher der lebendigeMensch getan hatte: seine höchsteigene Tätigkeit wird durch die Tätigkeitvon Geistgebilden ersetzt (oder ergänzt), während das einfache Werkzeugseine Tätigkeit unterstützt hatte.

Die Beispiele liegen zu Hunderten vor den Augen des aufmerksamenBeobachters: einer der bedeutsamsten Fälle der Maschinisierung, von deran die Historiker eine neue Epoche in der Geschichte der Menschheit rechnenmüßten, ist die Ersetzung der lebendigen Arbeit des Landmanns derArbeit des Pflügers, des Säemannes, des Schnitters, des Dreschers durchPflug-, Säe-, Ernte- und Dreschmaschinen, was gleichzeitig die Verlegungder segensreichsten Tätigkeit aus Gottes freier Natur in Kohlen- und Erz-bergwerke, an Hochöfen, in Walzwerke und Maschinenfabriken im Gefolgehat: welch eine Wandlung! Vom Schnitter zum Kumpel!

Oder: Bilder aus der neuesten Zeit: die Rede- und Musikmaschine, dasRadio, an Stelle von Sprach- und Singstimme, von Hirtenflöten und Geigen,die einstmals von lebendigen Menschen geblasen und gespielt wurden. Einähnliches Bild bietet die Theatermasehine und vieles, was uns sonst nochumgibt und unser Leben verschönt.

In ihrer dritten Form zielt die Ersetzung des Lebens nicht auf die Aus-schaltung des menschlichen Lebens selbst hin, sondern bedeutet die Aus-schaltung der lebendigen Umwelt, der Pflanzen und Tiere, vorallem aus den Gütererzeugungs- und Verkehrsakten: ein Vorgang, der sichimmer im Ablauf der Menschengeschichte beobachten läßt, der aber seit demBeginne des hochkapitalistischen Zeitalters, also seit der Mitte des 18. Jahr-hunderts, als der entscheidende Schritt auf dieser Bahn durch die Erfindungdes Kokesverfahrens getan wurde, sich mit rascheren Schritten als frühervollzieht. Schon heute stammt der größere Teil unserer Güterwelt nichtmehr aus Wald und Stall, wie ehedem, sondern aus Bergwerken und Labora-torien, mag es sich um Stoffe oder Kräfte handeln: an Stelle von Holz,

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