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einem eigenen Werke zu Felde zog, war in gewissem Sinne auch WilhelmSchallmeyer, der Vorkämpfer für Rassenhygiene und Rassenverbesse-rung. In eigenen Werken suchten den Rassegedanken zu bekämpfen: JeanF i n o t, Le prdjugö des races 2. ed. 1905; Friedrich Hertz, ModerneRassentheorie 1904. 2. Aufl. 1925; Franz Boas , Kultur und Rasse1914 u. a.
Man fragt erstaunt: was kann diese Männer zur Ablehnung des Rasse-gedankens bewogen haben? Liegt ein Mißverständnis vor? Haben Willens-impulse das Denken beeinflußt?
Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns noch einmalvöllig klar machen, welches denn der wirkliche Sinn des Rassegedankensist. Zu diesem Behufe können wir anknüpfen an die Worte, mit denen dieGründung der Pariser ethnologischen Gesellschaft gerechtfertigt wurde, alsderen Aufgabe man bezeichnete, die Idee zu verbreiten: „Daß die Rasse einewesentliche Rolle im Leben der Völker spielt;“ oder, wie es ein führender,deutscher Rasseforscher (Eugen Fischer ) ausdrückt: „Daß die Bildungder Völker und der Aufstieg der Kultur ein Rasseproblem und Rassekreu-zungsproblem zur Unterlage hat.“ Das und nichts anderes besagt in derTat der Rassegedanke und das bedeutet nun im einzelnen folgende Auf-stellungen:
1. daß die leibliche Beschaffenheit der Menschen die äußere Erschei-nung der Völker bestimmt, aber auch
2. daß diese leibliche Beschaffenheit vermutlich von Einfluß auf dasGehaben und das Wirken der Völker ist; und — das ist dieHauptsache! —
3. daß die leibliche Eigenart der Einzelnen sich am zweckmäßigstendurch deren Zusammenfassung zu Gruppen mit gleichen Erbanlagenberücksichtigen läßt.
Denn das ist in der Tat das Wesentliche des rassischbestimmten Denkens:daß es eine Geschichts- und Kulturdeutung aus dem Blute möglich machensoll trotz der unendlichen Verschiedenheit der Menschen: der Begriff derRasse als eine Summe gleicher (erblicher) Eigenschaften in einer GruppeBlutsverwandter ist der Ariadnefaden, der uns durch das Labyrinth derunüberblickbaren Mannigfaltigkeit der Einzelindividuen geleiten soll. Mitanderen Worten: Man denkt in Rassen, weil man der Forderung: die soma-tischen Eigenschaften der Menschen, die „Leibidee“, in der Lehre vom Men-schen und seinen Taten gebührend zu würdigen, nicht besser gerecht werdenkann als auf dem Wege einer kollektiven Zusammenfassung vieler Einzelnerzu einem Ganzen.