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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Wir nennen derartige Ideen, die uns bei unserm Studium fördern,Arbeitsideen. Und eine Arbeitshypothese, ein heuristisches Prinzip,«ine regulative Idee ist die Rassenidee für die Geistwissenschaft. Daß sie,.so aufgefaßt, auch dieser und nicht zuletzt einer geistwissenschaftlichenAnthropologie große Dienste leisten kann, ist mir nicht zweifelhaft. Sietritt mit dem gleichen Rechte neben die geographische, ökonomische, ero-tische und andern Arbeitshypothesen, die immer bedeuten, daß man bei derDeutung irgend eines Zustandes oder Vorgangs in der Menschenwelt zufragen verpflichtet ist: hat dieses Moment in unserm Falle also: hat diesomatische Beschaffenheit der Menschen überhaupt eine Bedeutung und,wenn diese Frage bejaht wird: welche nach Umlang und Art.

Dabei werden wir für die Verwendung der rassistischen Arbeitshypothesevon vornherein folgende Leitsätze aufstellen dürfen: sie ist um sofruchtbarer:

(1) je primitiver die Völker sind, die man untersucht;

(2) je mehr es sich um Massenerscheinungen handelt;

(3) je mehr diese ein materielles Gepräge tragen.

Das Wesen der Rassenhypothese bringt es mit sich, daß man von ihrimmer erst Gebrauch machen wird, wenn alle anderen Deutungsversucheerschöpft sind, da die Deutung einer Tatsache aus dem Blute immer auf einVerstehen verzichtet und uns vor ein Mysterium stellt.

Man sollte meinen: in dieser Fassung könnte kein ernsthafter Forschersich dem Rassegedanken verschließen. Ein Verzicht auf ihn würde eineoffensichtliche Verarmung der Wissenschaft bedeuten. Und ich glaube dennauch, daß der Widerspruch gegen den Rassegedanken sich nicht auf diesenselbst in seiner richtigen Fassung, sondern auf ganz bestimmte Ausgestal-tungen dieses Gedankens bezieht, die von manchen Vertretern der Rasse-kunde vorgenommen sind, die aber mit dem Wesen des Rassegedankens,soweit er für die Wissenschaft in Betracht kommt, nichts zu tun haben.

So haben viele Rasseforscher den Begriff der Rasse insofern verkanntals sie ihn gleichsam personifiziert und als Rassekollektive bezeichnethaben, die in der Geschichte handelnd auftreten, Staaten gründen und Kul-turen schaffen, während, wie wir schon feststellen konten, Rasse immer nureine Summe von Eigenschaften bedeutet, und somit ein Abstraktum ist:handelnde, schaffende, wirkende Kollektiva sind immer nur Horden,Stämme, Völker. Ferner haben in jener Zeit des Kampfes um die Existenz-berechtigung einer rassistischen Geschichtsauffassung manche Gelehrte da-durch den Widerspruch heraufbeschworen, daß sie allgemeine Theorien undThesen aufstellten, ohne sie zu beweisen. Sie verließen damit den Bodender wissenschaftlichen Forschung und betraten den des Glaubens, auf dem