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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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zumal in den letzten Jahrhunderten den Reichtum so beträchtlich ver-mehrt und durch die eigentümliche Struktur des kapitalistischen Wirtschafts-systems (das den europäischen Völkern mangels einer Sklavenbevölkerungaufgenötigt wurde) dafür gesorgt hat, daß von dem zuwachsenden Reich-tum ein immer größerer Teil auf die große Masse entfiel, die nun erst an-gefangen hat, Ansprüche zu stellen und die damit endigen wird, der Weltihr Gesetz vorzuschreiben. Daß

5. die gemeinsam erlebte Geschichte von einschneidender Bedeutungfür die Gestaltung der Völker ist, bedarf kaum der besonderen Hervor-hebung. Hier auf Einzelheiten einzugehen, hieße die Grenzen, die diesemBuche gesteckt sind, allzu weit überschreiten. Warum ich

6. der Sprache als gestaltendem Faktor bei der Herausbildung derVölker keine übergroße Bedeutung beilege, geht aus dem hervor, was ichim 15. Kapitel AII und BII über die volkbestimmende Bedeutung derSprache bemerkt habe. Immer können wir feststellen, daß die Sprachenicht primär gestaltend wirkt, sondern nur im Gefolge anderer gestaltenderFaktoren auftritt: die Gleichsprachigkeit oft vieler verschiedener Völkerund die Vielsprachigkeit desselben Volkes legen Zeugnis ab für die Richtig-keit dieser Feststellung.

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Wie Körper und Geist beim Werden und Vergehen der Völker Zusammen-wirken, ineinandergreifen, sich gegenseitig bedingen: dies zu ermitteln isteine der fürnehmsten Aufgaben des Geschichtsschreibers. Aber diese Ge-dankengänge sind hier nicht zu verfolgen. Meine Aufgabe erschöpft sichdarin, dem Völkerhistoriker mit meinen Darlegungen eine leidlich gesicherteGrundlage für seine Untersuchungen zu schaffen.

Vierundzwanzigstes Kapitel: Über einigeTheorien" der Völkerbildung

I

Wenn ich in diesem Kapitel einigeTheorien besprechen will, die überdas Werden und Vergehen der Völker aufgestellt sind, so bin ich eine Er-klärung dafür schuldig, was ich unter dem WorteTheorie verstandenwissen will. Theorie bedeutet in meinem Verstände, wie der Leser sich nunwohl wird eingeprägt haben, die Lehre von den Denkbarkeiten, das heißt:den Möglichkeiten, den Denknotwendigkeiten (V6rit6s de raison) und denWahrscheinlichkeiten. Über alle drei habe ich auch in diesem Abschnitte,der die Lehre von der Völkerbildung behandelt, wie überall in diesem Buchegesprochen. Es scheint also keinen rechten Sinn zu haben, wenn ich indiesem Kapitel von Theorien sprechen will, ohne sie etwa als andere oder