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fremde zu bezeichnen. Da muß wohl das Wort Theorie in einem andernSinne gebraucht werden. Und das ist in der Tat der Fall und soll durchdie angedeutet werden.
Es gibt nämlich Leute, denen mit einer Theorie, wie sie dem schlichtengeistwissenschaftlichen Denken entspricht, nicht Genüge getan ist; die von«iner Theorie mehr verlangen, vor allem Aussagen über Gesetzmäßigkeit.Unter dieser verstehen sie selbstverständlich Naturgesetzmäßigkeiten, die siedann mit einem mehr oder weniger starken Zusatz von Metaphysik versehen,um ihren Trank dem gläubigen Publikum genießbar zu machen.
Solcherart „Theorien“ gibt es nun im Bereiche der Völkerbildungslehre«ine besonders große Menge, von denen manche sogar ganz amüsant sind.Von den bekanntesten unter ihnen soll im folgenden die Rede sein.
Dabei leitet mich nicht nur der Wunsch, den Leser mit dem Auftischenliterarischer Curiosa zu unterhalten, sondern auch die Überzeugung, daßderartige — wie ich glaube — verfehlte Versuche einer naturwissenschaft-lich-metaphysischen Deutung bestimmter Vorgänge im Bereiche des Völker-daseins für die Erkenntnis der Wahrheit nicht immer ganz verloren sind,daß sie vielmehr, wenn man ihren gesunden Kern herausschält, unter Um-ständen zur Aufhellung der wirklichen Tatbestände sehr wohl beizutragenvermögen.
Die Völkerbildungstheorien lassen sich in zwei große Gruppen einteilen:solche, die sich auf den Aufstieg uud solche, die sich auf den Niedergang(oder Untergang) der Völker beziehen. Für beide Arten bringe ich im fol-genden Unterabschnitte einige Proben bei, um danach (III) festzustellen, waswir mit diesen Theorien anfangen können.
II
Eine Sonderstellung nimmt die einflußreiche Theorie des österreichischenGelehrten Ludwig Gumplovicz ein, sofern sie eine gute Theorie undeine schlechte „Theorie“ in einem ist.
Ihr Inhalt deckt sich zum großen Teil mit den von mir vorgetragenenAnsichten. Und somit brauchte sie als gute Theorie hier gar nicht erwähntzu werden. Nun begnügte sich aber Gumplovicz nicht damit, in seinenFeststellungen den Hinweis auf bestimmte Möglichkeiten und öfters ein-getroffene Wirklichkeiten zu erblicken: er möchte ihnen vielmehr den Cha-rakter von „Naturgesetzen“ geben und verkehrt sie dadurch aus Sinn inUnsinn: seine gute Theorie wandelt sich in eine schlechte „Theorie“. Um zuzeigen, welchen Grad der naturwissenschaftliche Fanatismus damals imBereiche unserer Wissenschaften erreicht hatte, teile ich hier ein paar Aus-sprüche aus den Werken des genannten Autors mit: „Wollen wir... zu einer
Sombari : Vom Menschen
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