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orientalischen Hochkulturen sowie der polynesischen und mikronesischenGemeinwesen Ozeaniens die Theorie vertritt.
Eine besondere Nuance empfängt nun die Zwei-Völker-Theorie dadurch,daß man sie rassistisch begründet, also sie zu einer Zwei-Rassen-Theorie macht.
Man kann freilich die beiden Völker auch ohne Rücksichtnahme auf ihreRassenbeschaöenheit kennzeichnen, indem man ihre ökonomischen Gegen-sätze, auf die es immer hinauszulaufen scheint: Reiternomaden — Hack-bauern, samt ihrem Rechtsgegensatz: Vaterrecht — Mutterrecht, die dann alsKorrelata der ökonomischen Beschäftigung gedeutet werden 200 ), auf geo-graphische Umwelteinflüsse zurückführt. Damit würde sich manche Hypo-these gut vereinigen lassen, wie z. B. die: daß die Germanen aus zwei art-verwandten indogermanischen Nordvölkern zusammengeschmolzen seien,von denen das eine in der sibirischen Steppe zu Reiternomaden, das anderein der norddeutsch-skandinavischen Heimat zu Bauern herangewachsensei 201 ).
Aber ebensogut kann man in den beiden Ur-Völkern auch Träger be-stimmter Rassenmerkmale erblicken und kann dann also die Zwei-Völker-Theorie rassistisch begründen. In geistvoller Weise hat das Fritz Lenz versucht, der dabei zu folgenden Ergebnissen kommt 202 ): Bei dem Gegensatzvon Reiternomaden und Hackbauern handelt es sich um zwei verschiedene„Rassen“: schlanke, langköpfige und untersetzte, breitköpfige Menschen.Es besteht ein Zusammenhang zwischen Schlankheit—Schmalköpfigkeit undBeweglichkeit—Drang in die Ferne einerseits und Untersetztheit—Breit-köpfigkeit und Behäbigkeit—Seßhaftigkeit andererseits.
Diese Unterschiede sind Züchtungsprodukte des Klimas und der ökolo-gischen Lebensbedingungen, insbesondere der Wirtschaft. Aus der Sammel-wirtschaft gehen also „zwei primäre“ Kulturkreise hervor, deren Trägereben die beiden Ur-Völkerarten sind. Ihre Unterschiede sind wie folgt durchihre verschiedenen Existenzweisen bedingt: „Der Jäger und Nomade mußtevor allem beweglich sein; er bedurfte keines großen Bauches, da seine Nah-rung hochwertig war; wäre er doch durch einen solchen behindert worden;bei ihm mußten Brust, Herz, Lunge im Interesse der Bewegung stark ent-wickelt sein. Der Pflanzer dagegen bedurfte zur Ausnutzung seiner vielvoluminöseren Kost größerer Verdauungsorgane, die nur in einer großenLeibeshöhle Platz hatten. Daher entwickeln sich zwei Typen: Brustrassegegen Bauchrasse: typus respiratorius c/a typus digestivus (Sigaud).Diese Typen sind auch seelisch unterschieden: die Bewegungsmenschen sindgeistig beweglich, unternehmend, angriffslustig, herrisch, großzügig; die