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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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die er aus dem Erdinnern hervorholt oder das wissenschaftliche Problem,das er lösen möchte.

Wir wollen die athmosphärische Wirkungsweise die passive, die andere,bedingende, hemmende, fördernde, die aktive nennen. Aktive und passiveWirkungsweise tritt nun bei allen Umweltarten gleicherweise auf, wodurchsich die Anzahl der möglichen Wirkungsweisen häuft.

Verschiedenheiten der Wirkung ergeben sich ferner aus der Beschaffenheitder Menschen, auf welche die Umwelt wirkt: ob es starke oder schwacheMenschen sind. Man sollte nun meinen: schwache Menschen seien den Um-welteinflüssen mehr ausgesetzt als starke. Das Gegenteil ist der Fall: je fein-sinniger, sensibler, breiter der Mensch veranlagt ist, desto stärkeren Ein-druck macht auf ihn die athmosphärische Umwelt und je willenskräftiger,tatenlustiger, unternehmender, desto mehr wird er aus den Bedingungen derUmwelt herausholen, indem er sein Handeln ihnen anpaßt: siehe die Bei-spiele, die ich im 23. Kapitel II gegeben habe. Der schädigende Einfluß, dendie Umgebung auf den einzelnen ausübt, kann so stark sein, daß dieser imKampfe mit Natur oder Gesellschaft völlig unterliegt und wenn nicht durchTod, so doch durch völlige Stillegung seiner Tätigkeit beseitigt wird: wirsprechen dann von Ausmerze; im andern Falle, wenn ein Individuum ineiner bestimmten Umgebung gut gedeiht, von Auslese. Was für den Ein-zelnen gilt, gilt natürlich auch für die Völker, die ja aus Einzelnen sich zu-sammensetzen: starke Völker sind milieuzugänglicher als schwache. Wes-halb denn starke Völker (Germanenstämme!) in einer ihnen schädlichenUmwelt rascher zugrunde gehen als schwache, in einer ihnen zusagendenstärkere Kulturleistungen hervorbringen als schwache: Umgestaltung Nord-amerikas ! Verschiedenheit der Wirkungen der Umwelt ergeben sich so-dann aus der Verschiedenheit des Zivilisationsgrades: in unentwickeltenKulturen übt die äußere Umwelt (meist) stärkeren Einfluß auf Volk undEinzelne aus als in hochzivilisierten Ländern; ein junges Volk ist der Milieu-wirkung als Ganzes mehr ausgesetzt als ein altes 230 ); dagegen unterliegtder einzelne dem (geistigen) Milieueinfluß um so mehr, je älter das Volk ist.Die Macht der Umwelt wächst ja mit fortschreitender Kultur, d. h. dem-jenigen, was vom Menschen als solche erst geschaffen wird und nun alsKulturmasse dasteht: dieser Macht entsprechend wächst die des Einzelnennicht. So wird jene zur Übermacht, der der Einzelne unterliegt.

Es scheint als ob es in der Entwicklung der Völker einen Zeitpunkt gäbe,in dem ein Optimum in dem Verhältnis zwischen Umwelt und Einzelnemerreicht würde, in dem die Umwelt dem Einzelnen höchste Förderung zu teilwerden läßt und der Einzelne seine Persönlichkeit bestens entfalten kannund diese günstigen Bedingungen für eine Höchstzahl von Einzelnen gegeben

Sombart : Vom Menschen

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