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sind. Solche Zeiten des optimalen Verhältnisses zwischen Einzelperson undUmwelt waren etwa das perikleische Zeitalter oder das 16., 17. und zumTeil noch 18. Jahrhundert in Westeuropa . In diesen Perioden hat es wohldie meisten selbständigen und eigenartigen Persönlichkeiten gegeben.Nachher tritt der Verfall ein: in den europäischen Ländern seit dem Beginnoder der Mitte des 19. Jahrhunderts in besonders raschem Tempo: die Um-welt erdrückt die Einzelperson und nivelliert sie dementsprechend immermehr. Es mag sich um Politik, um Technik, um Wissenschaft, um Kunst,um Lebensstil, um Geselligkeit handeln: auf allen Gebieten ist die Kultur-masse so stark angewachsen, ist also das geistige Milieu so mächtig undübermächtig geworden, daß auch der begabte Einzelne nicht mehr vielEigenes zu leisten vermag.
Und wie die Zeitpunkte von Bedeutung sein können für die Wirkung derUmwelt, so nicht minder die Örtlichkeiten: grundverschiedene Stellung derKolonien eines Landes, die in gleicher Breite angelegt werden (Griechen-land — Italien; England — Nordamerika !) und derjenigen Kolonien, die invöllig andern Erdteilen entstehen (Spanien — Südamerika !) 231 ).
Endlich sei noch einem Gedanken Raum gegeben, den schon Falconerin der Preface zu seinen Remarcks (1781) äußert: daß sich nämlich häufigdie einzelnen Wirkungen der Umwelt gegenseitig kompensieren: „the in-fluences of one of the... causes often corrects the other“: so würde dasKlima die Chinesen zu indolenten und faulen Menschen machen, die großeBevölkerungsmenge aber zwingt sie zur Arbeit.
Wir würden dabei lieber die vis durans der origo als Faktor einsetzen anStelle der Umwelteinflüsse. Doch läßt sich ein derartiges Verhältnis über-haupt mengenmäßig feststellen?
Das ist die Frage, zu deren Beantwortung wir nunmehr übergehen:
4. Was wirkt die Umwelt; oder — was dasselbe ist — wievielvermag sie zu wirken?
Das ist ja nun wohl die eigentliche Kernfrage, nämlich die Frage nachWirkungsbreite und Wirkungstiefe der Umwelt in leiblicher-seelischer-geistiger Beziehung.
Um des ungeheueren Problems wenigstens insofern Herr zu werden, daßwir seine Weitschichtigkeit erkennen, will ich die Gesamtfrage wieder ineine Reihe von Unterfragen auflösen. Zu mehr als Fragen vermögen wirauf Grund unseres „positiven“ Wissens nicht zu gelangen: heute nicht undnimmermehr. Wir können Vermutungen aussprechen, wir können diesenoder jenen Zusammenhang wahrscheinlicher machen als einen anderen:eine gesicherte Erkenntnis nach Hause tragen, wird nur dem Charlatan