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in seiner Einbildung gelingen. Der gewissenhafte Forscher darf sich einersolchen Täuschung nicht schuldig machen.
Die Fragen, die ich stellen will, sind folgende:
a) Wie verhalten sich Milieu und Vererbung zueinander?
Über diese Frage hat die neuere Forschung insofern einiges Licht ver-breitet, als sie uns wahrscheinlich gemacht hat, daß die Erbfaktoren, dieGene, nicht fertige Eigenschaften, sondern lieaktionsmöglichkeiten aufbestimmte „Umweltzumutungen“ sind. Freiherr von Eickstedtmacht deshalb den sehr einleuchtenden Vorschlag statt von Genen oderAnlagen von Potentialen oder Angelegtheiten zu sprechen 232 ). Damit wirdalso zum Ausdruck gebracht, daß der Umwelteinfluß auch bei vererblichenEigenschaften jedenfalls grundsätzlich wirksam sein kann. Wirksaminnerhalb eines gewissen Spielraums — dessen Größe der Umfang und dieBeschaffenheit des Erbgutes bestimmen. In ihm, so müssen wir annehmen,sind alle Möglichkeiten menschlicher Eigenschaften und Verhaltungsweisen,soweit sie natürlichen Ursprungs sind, begründet. Die erblichen Gegeben-heiten setzen die Grenzen, innerhalb deren die Umwelteinflüsse wirksamsein können; ja, sie bestimmen oft selbst den Charakter der Umwelt. Sogilt für viele Kreise der Satz: minderwertige Anlage schafft minderwertigeUmwelt.
Daß es unter diesen Umständen abwegig ist, die Erb- und Umwelteinwir-kung bei jedem einzelnen in ein festes Zahlenverhältnis zu bringen, wie manes in der Tat versucht hat, leuchtet ein.
Die statistischen Massenfeststellungen, deren bedeutsamste die vonA. Odin unternommene ist 233 ), der 6384 Männer — gens de lettres —zwischen 1300 und 1830 auf ihre Herkunft untersucht hat, haben als Ergeb-nis ein non liquet geliefert.
So werden wir, wenigstens für die historische Zeit, dem Ignoramusunseres besten Gewährsmannes zuzustimmen geneigt sein, dessen Urteilüber den Anteil der verschiedenen am Aufbau der Persönlichkeit beteiligtenKräfte wie folgt lautet: „Bei Organismen, die sich, wie der Mensch,geschlechtlich und durch freie Paarung, „paramiktisch“ fortpflanzen, spielensich dauernd die... drei Kategorien von Variationserscheinungen neben-einander und durcheinander ab. Die Beurteilung, ob ein Unterschied zwischenMenschen auf Modifikation (Milieueinfluß), auf Kombination (Mischung derEigenschaften der Vorfahren) oder auf Mutation (Entstehung neuer erblicherUnterschiede) beruht, ist meist sehr schwierig, viel schwieriger als der Laiezunächst wohl glaubt. Was vorliegt, kann — wenn überhaupt — meist erstdurch ein sehr gründliches Studium entschieden w r erden 234 ).“
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